Werner-Fuß-Zentrum Berlin

Kurznachrichten vom Werner-Fuss-Zentrum
WZ
Werner-Fuss Zentrum
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Gestern, 13:28

Ein voller Erfolg für die Initiative Zwangbefreit!
Am 4. September 2017 wurde das Verfahren gegen eine Aktivistin der Initiative Zwangbefreit (IZB) wegen angeblichem „doppelten Hausfriedensbruch“ vom Amtsgericht Helmstedt eingestellt. Das ausschweifende Reden und Beschuldigen durch den Geschäftsführer des AWO Psychiatriezentrum (APZ) in Königslutter als Zeugen bewirkten das Gegenteil. Durch seine Aussagen entlastete er die Angeklagte, sodass der Prozess nach §153 StPO eingestellt wurde. Das bedeutet, dass die Beschuldigte keine Auflagen wie z.B. eine Geldzahlung zu tragen hat und dass der Staat die kompletten Kosten inklusive die Bezahlung der Verteidigung übernimmt. Der Prozess endete nach einer dreiviertel Stunde.
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In Englisch ist im Juni ein neues Buch über Thomas Szasz erschienen:
Thomas S. Szasz, M.D.:  The Man and His Ideas.  (Die Person und seine Ideen)
Herausgegeben von Jeffrey A. Schaler, Henry Zvi Lothane, and Richard E. Vatz
Eine sehr gute Rezension des Buches ist in Psychology Today erschienen:
Thomas S. Szasz: One Hundred Years Ahead of His Time
Thomas S. Szasz, M.D., was an iconic figure in American psychiatry, perhaps the most famous and influential psychiatrist of the 20th century, and a personal and professional mentor. This September marks the fifth anniversary of Dr. Szasz’s passing at the age of 92.
Best known for his 1961 book The Myth of Mental Illness: Foundations of a Theory of Personal Conduct, Szasz is frequently,…
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Über Gert Postels Lesung im Rathaus von Jever ist ein großer Artikel mit Bild im Jeverschen Wochenblatt erschienen:
Verwirrung, Entsetzen, Faszination und Bewunderung. Vermutlich jeder in dem voll besetzten Graf-Anton-Günther-Saal wird am Freitagabend diese Emotionen bei der Lesung von Gert Postel aus seinem Buch „Doktorspiele“ verspürt haben.
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„Wo Pippi eingesperrt, gedemütigt, fixiert und vollgepumpt mit Psychopharmaka 20 Jahre früher sterben würde …“
Ton Bild Schau über die Zwangspsychiatrie von Jörg Bergstedt nicht nur am 5.10. in Berlin im Mehringhof, sondern auch
am Samstag, 7.10. um 16 Uhr in Potsdam im Madia, Lindenstr. 47. Ankündigung siehe hier:
http://www.zwangspsychiatrie.de/2017/08/pippi-heute-eingesperrt-gedemuetigt-fixiert-mit-zwang-voll-20-jahre-frueher-tot

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Dies sind Nachrichten des Werner-Fuß-Zentrums
im Haus der Demokratie und Menschenrechte
Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin
http://www.psychiatrie-erfahrene.de

Geisteskrank? Ihre eigene Entscheidung!
Informieren Sie sich: http://www.patverfue.de

Bitte vormerken:
8.-12. Oktober Protest gegen den Weltkongress der Psychiatrie in Berlin.
Erklärungen und Details siehe Flyer-Zeitung: http://www.die-bpe.de/fiktive_wissenschaft

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Proteste gegen den Weltpsychiaterkongress in Berlin

Weltpsychiaterkongress in Berlin ab 8.10: Proteste angekündigt – Vortragspremiere zur Mobilisierung im Vorfeld
PS
Projektwerkstatt Saasen
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Gestern, 14:59
Liste Antizwangspsychiatrie (vernetzung@menschenrechtsverletzungen.eu)

Presseinformationen und Einladung

Ab 8. Oktober:
Welt-Psychiater*innen-Treffen in Berlin – und Proteste dagegen

Am 8. Oktober beginnt in Berlin (CityCube und südliches Messegelände – Eingang durch Messeeingang Süd) das Weltpsychiater*innentreffen. Mehrere Gruppen rufen zu Demonstrationen ab Sonntag, den 8.10. bis mindestens Montagnachmittag auf. Neben der Kritik an den heutigen Bedingungen hinter Mauern und Stacheldraht, bei Fixierungen und Zwangsmedikation sowie an der Willkür von Diagnosen sollen die Finger in die Wunde der Vergangenheit gelegt werden. Psychiatrien erwiesen sich im Dritten Reich als willfährige Mörder, die auf Befehl und aus eigenem Antrieb handelten. Das Morden ging in versteckterer Form auch lange nach 1945 noch weiter.

Im Aufruf des Bundesverbandes der Psychiatrie-Erfahrenen, mehrerer Landesverbände, des Berliner Werner-Fuß-Zentrums und anderer Gruppen heißt es: „Wir halten die Wahl von Berlin als Ort für den 17. Weltkongress der Psychiatrie für eine Provokation. In Berlin wurde seit 1939 der systematische Massenmord in Psychiatrien und Heimen geplant und organisiert („Aktion T4″). Das war das Modell für das anschließende Morden in den Gaskammern der Vernichtungslager im besetzen Polen ab 1941.
Die Ärzte benutzten das Nazi-Regime, um ihre schon lange in Fachkreisen diskutierten Pläne zur Vernichtung derer umzusetzen, die sie für nicht therapierbar erklärten. Die ärztliche Diagnose wurde zum Todesurteil. Das Morden überdauerte das Ende des Nazi-Regimes und ging bis 1949 weiter.
Anschließend erlebten Lobotomie (Hirnverstümmlung) und Elektroschock ihre Blüte. Regelmäßig gegen den Willen der Betroffenen. Bis heute sind Zwang und Gewalt untrennbarer Teil psychiatrischen Handelns. Zwangseinweisungen, Fixierungen, Isolierungen, Zwangsmedikationen und erzwungene Elektroschocks gibt es bis heute. Diese Tatsachen wurden auch bei der Prüfung des deutschen Staatenberichts in Genf entsprechend kritisiert.
Ein Weltkongress in Deutschland und insbesondere in Berlin ist eine Solidarisierung mit der Deutschen Psychiatrie und deren Verbrechen, um sie rein zu waschen. Daher rufen wir zum Protest gegen den WPA-Kongress 2017 auf.“ (Quelle und Link zur Infozeitung: http://die-bpe.de/fiktive_wissenschaft)

Vorab einige Mobilisierungsveranstaltungen

In den Tagen vorher finden in Berlin und Potsdam Infoabende zur Zwangspsychiatrie – und die haben es in sich. Es sind die Premieren einer neuen Ton-Bilder-Schau im Stile von „Fiese Tricks von Polizei und Justiz“, aber diesmal zur Zwangspsychiatrie. Hier die Einladung mit Terminen:

  • Do, 5.10. um 19 Uhr in Berlin-Kreuzberg (Mehringhof, Gneisenaustr. 2): Wo Pippi eingesperrt, gedemütigt, fixiert und vollgepumpt mit Psychopharmaka 20 Jahre früher sterben würde … die Ton-Bilder-Schau zu Anspruch und Wirklichkeit hinter psychiatrischen Mauern und Zäune
    Premiere: Die Schau wird erstmals gezeigt – aus Anlass des am 8.10. in Berlin beginnenden Weltpsychiaterkongresses!!!
    240.000 Menschen werden jedes Jahr in Deutschland gegen ihren Willen psychiatrisch zwangsbehandelt. Solche „Behandlungen“ haben es in sich. Es sind qualvolle Unterwerfungsrituale, bei denen die eine Seite alle Macht hat und die andere keine. Das geben die Chefs deutscher Kliniken selbst zu. Der Wille des Patienten würde gar nichts zählen, schrieb der Leiter einer forensischen Psychiatrie in einem Brief an die Vorsorgebevollmächtigte eines Gefangenen – und erteilte ihr Hausverbot. Auch andere Verbrechen geben die Täter*innen in Weiß offen zu: Wenn passende Medikamente fehlen, würden halt andere genommen. Die seien dann zwar nicht zugelassen, aber das mache nichts. Disziplinarmaßnahmen würden als Therapie verschleiert. 18 bis 25 Jahre kürzer würden Menschen leben, die über lange Zeit Psychopharmaka nehmen – in der Regel: nehmen müssen. Der Staat hat mit den geschlossenen Psychiatrien Räume geschaffen, in denen die Untergebrachten Freiwild sind. 359 Euro erhalten die Kliniken dafür pro Tag und Person. Die Klinikärzt*innen sitzen selbst vor Gericht und schreiben die Gutachten, die ihnen die Betten füllen. Über Fördervereine organisieren sie ein zusätzliches, undurchsichtiges Umfeld. Die Ton-Bilder-Schau des investigativen Journalisten Jörg Bergstedt gibt einen tiefen Blick hinter die Kulissen der Zwangspsychiatrie, dargestellt vor allem an Unterlagen, die aus den Psychiatrien selbst stammen. Den Abschluss bildet die Frage, wie eine Welt ohne Zwangsbehandlungen aussehen könnte – und was das alles mit Pippi Langstrumpf zu tun hat.
  • Sa, 7.10. um 16 Uhr in Potsdam (Madia, Lindenstr. 47): Wo Pippi eingesperrt, gedemütigt, fixiert und vollgepumpt mit Psychopharmaka 20 Jahre früher sterben würde … die Ton-Bilder-Schau zu Anspruch und Wirklichkeit hinter psychiatrischen Mauern und Zäune

Die weiteren Termine:

Pressekontakte im Vorfeld und während der Proteste:

  • Siehe Internetseiten bpe-online.de und zwangspyschiatrie.de
  • Zum Referenten: bis 23.9. und ab 4.10. unter 01522-8728353, sonst in der Projektwerkstatt 06401-903283

Gruppen und Einzelpersonen, die die Proteste unterstützen wollen, werden um Rückmeldung gebeten. Mitmachen, Schlafplätze bieten usw. sind sehr erwünscht.

P.S. Der Referent der Ton-Bilder-Schau ist auch am 4.10. schon in Berlin – mit einem anderen Thema:
Mittwoch, den 4.10 um 20h in Berlin (Systemfehler/Schenkladen, Jessnerstr. 41, 10247 Berlin, Nähe S/U-Frankfurter Allee bzw. M13 Station Scharnweberstr.): Vortrag und Diskussion „Konsumkritik-Kritik … warum sich die Welt am Ladenregal nicht besser kaufen lässt?“
Überall dröhnt die Werbung: Ändere Dein Leben und Du änderst die Welt! Nachfrage regelt das Angebot! Ethische Geldanlagen, Kaufen mit gutem Gewissen usw. Warum aber wird die Welt nicht besser, sondern nur der Bio-, Fahrrad- und Solarladen zu einem Kommerztempel? Der Vortrag widerlegt die These von der großen Verbraucher_innenmacht und zeigt, dass die Selbstreduzierung auf’s Dasein als Konsument_in vor allem denen dient, die nichts als Profit im Sinn haben. Für Mensch und Umwelt aber geht es um mehr als sich mit der Rolle des Bezahlenden im Kapitalismus zufrieden zu geben. Der Referent, Jörg Bergstedt, ist Autor zahlreicher Ökologiebücher (z.B. „Monsanto auf Deutsch“) und des Büchleins „Konsumkritik-Kritik“. Infoseite: www.konsumkritik-kritik.tk

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(Bitte bei Antworten lange Mailzitate wegschneiden ... spart Daten, Zeit und Unübersichtlichkeit 🙂

Projektwerkstatt Saasen, 06401-903283, Fax 03212-1434654
Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen-Saasen (20 km östlich Giessen)
www.projektwerkstatt.de/saasen <saasen@projektwerkstatt.de>
PGP unter www.projektwerkstatt.de/feedback.html
 - Seminarhaus und politische Aktionswerkstätten
 - Archive, Bibliotheken und Gruppenräume (mit Bahnanschluss)

Spannende Bücher und DVDs unter www.projektwerkstatt.de/materialien!
Angebote für Aktionstrainings, Workshops und Vorträge: www.projektwerkstatt.de/referent.html und ../termine.
Die Projektwerkstatt lebt davon, dass woanders Sachen übrig sind: Eine Liste, was gebraucht wird, ist unter www.projektwerkstatt.de/gesucht zu finden, z.B. kleines Audio-Aufnahmegerät, Obstpresse, Ansteckmikrofone (mit Kabel oder per Funk), CanonEF- oder M-Objektive und viele Verbrauchsmaterialien.

Meditation

Keltisch-Druidisch
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Gestern, 22:15
Sie

Rundbrief

Liebe Freunde,

anlässlich der immer wieder auftretenden Aufrufe zu Massenmeditationen möchten wir noch einmal anmerken, dass diese mit äußerster Vorsicht anzugehen sind. Wir haben in der Vergangenheit schon mehrmals darauf hingewiesen.

Keiner von uns geht heute mehr ohne Virenschutz und Firewall ins Internet, aber zu unserem Innersten wollen wir lauter Unbekannten ungeschützten Zugang ermöglichen? Die Meditation ist ein Werkzeug, mit dem man sehr sorgfältig umgehen sollte. Es spricht absolut nichts dagegen, dies in einem Freundeskreis oder innerhalb einer bekannten Gruppe in einem Raum zusammen zu machen oder sich zu verabreden, um einem gemeinsamen Freund oder Angehörigen in einer schweren Stunde beizustehen. Auch alleine kann man viel Gutes bewirken.

Aber wenn wir uns energetisch für den Zusammenschluss mit vielen unbekannten Adressaten öffnen, können sich negative Elemente diesen Zugang zunutze machen, was im Extremfall bis zu einer Besetzung führen kann. Ich halte es für unseriös, zu solchen Veranstaltungen aufzurufen und würde selbst niemals daran teilnehmen. Diejenigen, die dazu aufrufen, sind entweder nicht richtig informiert oder planen nichts Gutes.

Die Meditation ist ein guter Weg, um bewusst in Kontakt mit unserer eigenen Geistigkeit und unseren geistigen Helfern zu treten. Dazu öffnen wir einen Kanal, den auch andere geistige Wesen nutzen können, um Zugang zu uns zu bekommen. Es gehört zwar immer unsere Zustimmung dazu, aber im guten Glauben, dass wir etwas Gutes tun, geben wir vielleicht Wesenheiten einen Zugriff auf uns, den wir besser nicht gewähren sollten und bei näherer Betrachtung auch nicht geben würden. Es sind in diesen bewegten Zeiten sowieso immer verstärkte Schutzmaßnahmen anzuraten, indem man entweder die geistige Welt vorher um Schutz bittet und/oder mit der violetten Flamme bzw. mit einer Schutzaffirmation arbeitet. Es gibt hier verschiedene Möglichkeiten.

Wenn wir uns auf uns selbst konzentrieren, ist das in der Regel ausreichend. Uns wurde in der Vergangenheit immer gesagt, dass wir allein nichts bewirken können und damit immer auf andere angewiesen sind. Das ist jedoch eine absichtliche Fehlinformation. Wir können am meisten verändern, wenn wir an uns selbst arbeiten. Auf niemand anderen haben wir diesen Einfluss. Wir tragen auch nicht die Verantwortung für unseren Nächsten, was man uns auch immer wieder unterjubeln will. Das heißt nicht, dass wir dem Nächsten nicht helfen sollten, wenn er oder sie unserer Hilfe bedarf, aber die Verantwortung für seine bzw. ihre Entscheidungen und Handlungen tragen wir (zum Glück) nicht. Wir haben nur die Verantwortung für unser eigenes Sein.

Darüber hinaus wurde uns massiv antrainiert, dass wir nur durch Tätigkeit im Außen etwas verändern können. Diese Manipulation in uns ist so stark, dass wir deswegen permanent das Gefühl haben, etwas im Außen „tun“ zu müssen. Damit wird jedoch verhindert, dass wir uns auf unser Inneres konzentrieren, denn dort wird die eigentliche Veränderung geschaffen, die dann auch äußere Veränderungen zur Folge hat.

Wir sollten uns immer wieder vor Augen halten, dass wir geistige Wesen in einem feststofflichen Körper sind und nicht umgekehrt. Um Veränderungen herbei zu führen, brauchen wir nur unsere innere Geistigkeit zu aktvieren. Wenn wir es schaffen, uns selbst zu erkennen und in uns ruhend zu leben, erreichen wir wesentlich mehr, als wenn wir versuchen, auf verbalem Wege Menschen zu überzeugen. Man hat immer versucht, unsere Aktivitäten auf das Äußere zu konzentrieren, damit wir nicht zur Ruhe kommen und dieses Prinzip möglichst nicht erkennen.

Denn unsere inneren Kräfte wurden und werden geschickt durch Manipulation genutzt, um die Pläne der hier (noch) Herrschenden umzusetzen. Sie können uns jedoch nur über unsere Emotionen, insbesondere über unsere Ängste und die dazugehörigen Bilder, dazu bringen, die von ihnen gewünschte Realität zu erschaffen. Sie selbst sind nicht dazu in der Lage, schöpferisch zu wirken, sondern missbrauchen unsere schöpferische Kraft dafür!

Deshalb ist es für uns in der kommenden Zeit so wichtig, die Neutralität unserer Emotionen zu bewahren und im Vertrauen auf eine gute Zukunft auf unserem Weg zu bleiben. Diese Mächte meinen nicht uns persönlich, so wie der Schlachter nichts gegen das Schwein hat, das er gerade schlachtet. Durch unsere Neutralität entziehen wir ihnen ihre Nahrung, denn sie ernähren sich u.a. von unseren Ängsten. Neutralität heißt nicht, mit geschlossen Augen durch die Welt zu gehen. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist wichtig, die eigentlichen Botschaften zu erkennen, nämlich die verzweifelten Versuche der bisher Herrschenden wahrzunehmen, die zunehmend erwachende Menschheit wieder in ihren Griff zu bekommen. Diese Wahrnehmung kann aber erfolgen, ohne sich emotional zu beteiligen, so dass wir schlussendlich selbst entscheiden, wen oder was wir mit unseren Gedanken nähren.

Es liegt also wieder einmal nur an uns, dass wir unsere Realität mit unseren geistigen Fähigkeiten erschaffen und so die Weichen für ein neues Sein stellen.

Herzliche Grüße

Rolf Janßen

im Schatten der Selbstlosigkeit – Macht und Gewalt des Glaubens

Wolfram Pfreundschuh (09.04.2010)

Im Schatten der Selbstlosigkeit –
Macht und Gewalt des Glaubens 

Die Öffentlichkeit war erschrocken vor dem, was da aus den Nischen deutscher Institutionen alles herausgequollen ist: Gewaltexzesse, Sadismus, sexueller Missbrauch, Erniedrigungen, Verachtung, Verhöhnung und Unterwerfung in den Anstalten öffentlicher Aufgaben, staatlicher, kirchlicher und pädagogischer Einrichtungen (wie z.B. Bundeswehr, Internate, Schulen, und Klöster). Es passt so schlecht in das gewohnte Bild von dem medial vorgestellten Durchschnittsdeutschen und so mancher gute Demokrat rieb sich die Augen, ob das denn die Möglichkeit sei – heute mitten in Deutschland… Und doch ist es zugleich nur ein Ausschnitt, – so lässt es sich aus der nicht abreißenden Informationskette vermuten. Was geht da vor sich, wo Menschen und vor allem Kinder und Schutzbefohlene den Räumen öffentlicher Maßnahmen ausgeliefert sind und dermaßen behandelt werden? Und wie kann das alles so lange im Verborgenen geblieben sein? Die Empörung ist derzeit groß und die Medien nutzen sie auch gehörig.

Doch ganz so befremdlich kann es eigentlich nicht sein. Weiß man doch, dass in den Institutionen großer Aufgabenstellungen deren Bewältigung schon immer gut abgeschottet ist, dass weder aus den Kasernen, aus den Kriegsschauplätzen, aus den Kirchen und Schulen das offen dargestellt wird, was sich dort so alles tut. Aber auch ansonsten wird selten sichtbar, was in den Kulturräumen dieser Gesellschaft geschieht, höchstens dann, wenn es zu spät ist, wenn Existenzen an persönlicher Willkür oder Sucht zerbrechen, Familiendramen zu Mord und Totschlag geführt hatten, Kinder verwahrlost oder verhungert sind. Offene und versteckte Gewalt sind so selten nicht. Aber selten wird über ihre Gründe berichtet und nachgedacht.

Es sind die eigenen Gewaltverhältnisse einer hohen Autorität, die hier versteckt werden, also Verhältnissse, wie sie eben überhaupt auch nur als erzieherische Beziehungen in solchen autoritären Strukturen gedeihen können. Hier sind Autoritäten durch institutionelle Macht geschützt und können ihrer Willkür freien Lauf lassen, solange es der Aufgabe dieser Struktur noch irgendwie entspricht oder das, was über die Rechtsnorm hinausgeht, wenigstens nicht rauskommt. Hier tobt sich aus, was sich vielleicht auch aus dem sonstigen Leben heraus in einzelnen Persönlichkeiten aufgestaut haben mag. Aber hier wird es zur Hackordnung zwischenmenschlicher Beziehungen in abgeschotteten Lebensräumen von Abhängigen. Es handelt sich hier also nicht nur um eine in persönlicher Willkür genutzte institutionelle Macht. Es ist die hier ausgeübte Gewalt vor allem Ausdruck der Bestimmung dieser Räume selbst, die sich in den Personen geltend machen.

Es sind Bestimmungen, welcher die Menschen ausgeliefert sind und wodurch sie auch bewertet werden, ihr wirkliches Leben also mehr oder weniger ausgerichtet wird. Die hohen Zwecke bewegen sich in abgrundtiefen Niederungen. Aber das kommt nicht von ungefähr. Wo Menschen sein müssen, was sie nicht sein können, ist ihre Selbstbestimmung schon vor ihrem Verhalten aufgelöst. Stattdessen herrscht die permanente Erfahrung von Selbstentwertung vor, die irgendwann sich auch zu Selbstverlust führt und Selbstvernichtung betreibt. Wo große Mächte am Wirken sind, da gibt es eben gewaltige Ohnmacht, pure Gewalt. Jan Phillip Reemtsma hat das mal in einer Studie über Soldaten im Krieg drastisch beschrieben: Wenn du ständig vom Tod durch andere bedroht bist, dann sieh zu, dass du schießt, bevor andere das tun. Die Soldaten verlieren unter dieser Bestimmung alles, was sie aus ihrem bisherigen Leben heraus waren. Manche werden irgendwann Tötungswahnsinnig und entwickeln eine Vernichtungswut, eine Wut, die allerdings neuerdings auch in den Medien dokumentiert worden ist – auch bei unseren braven deutschen Soldaten, die doch eigentlich nur helfen sollen. So ähnlich geht es auch in den Institutionen zu, wenn Menschen permanent entwertet werden. Da heißt es dann, setze möglichst vorzeitig die anderen herab, bevor du herabgesetzt wirst. Und die beste Methode, dies zu betreiben ist die Ausübung hoher Aufgaben durch totale persönliche Identifikation mit ihnen. Nirgendwo kann dies besser geschehen, als dort, wo diese Aufgabenbewältigung sich der Sache nach nicht mehr wirklich öffentlich vermitteln kann oder wenn ihre Intimität selbst zur Aufgabenstellung gehört.

So haben sich in vielen Jahrhunderten schon besonders die kirchlichen Einrichtungen als Hort einer kulturellen Intimität entwickelt, in denen die innere Bindung der Menschen an die herrschende Kultur gewährleistet sein soll. Sie hatten sich besonders um die sozialen Nöte und Verwahrlosungen gekümmert, sich selbstlos denen gewidmet, die ohne ihre Hilfe verloren wären. Diese sozialen Leistungen waren sicher enorm, wurden aber auch zum Ende des 19. Jahrhundert zu einem Kulturproblem des bürgerlichen Staates, so dass Bismarck immerhin einen Teil der kirchliche Aufgaben, besonders die Versorgung der Armen und die Ausbildung der Jugend, dem Staat als eigene Aufgabe übertrug. Dennoch sind die kulturellen Aufgaben der Kirchen noch groß und bieten ihnen auch weiterhin hierzulande eine mächtige soziale Identität und Bestärkung und einen beträchtlichen Anteil an Sozialgelder. Es ist aber vor allem die soziale Stärke ihrer Glaubensmächtigkeit, die sie dadurch erwerben. So kann dort, wo das Leben besonders ungewiss ist, wo die Lebensverhältnisse gefährdet und die Selbsterhaltung bedroht ist, sich der Christenglaube schon immer öffentlich verfestigen. Er ist weiterhin ein tragendes Element der deutschen Politik und wird von dieser auch gerne genutzt – missbraucht könnte man sagen.

Die Politik des Glaubens und der Glaube an die Politik

Seit 1970 war die Zahl der Christen in Deutschland zwar rückläufig, hat sich aber im 1. Jahrzehnt dieses Jahrhunderts wieder leicht erhöht. Es gibt heute hierzulande 25 Millionen Katholiken, 24 Millionen evangelisch Gläubige und 3,5 Millionen Muslime. Die Konfessionslosen belaufen sich auf 28 Millionen Menschen. Die Folgen der Wirtschaftskrise wird den Kirchen noch einigen Zulauf erbringen, wenn sie es verstehen, das um sich greifende wirtschaftliche und soziale Elend seelsorgerisch aufzugreifen und den an ihrer Welt zweifelnden Menschen höhere Zielsetzungen zu vermitteln.

Die Politik hatte immer schon mit den Institutionen des Glaubens – oder besser: der Gläubigkeit – kalkuliert. Die praktizierenden Katholiken im Regierungskabinett, z.B. die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und der Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) bezeichneten den Glauben als einen inneren Kompass, mit dessen Hilfe soziale Beziehungen ausgerichtet werden könnten. Wo Politik keinen Bezug mehr zur Wirklichkeit hat, da bietet ein solcher Kompass immerhin eine geistige Ausrichtung in den Menschen, die sich dem entsprechend auch von ihrem wirklichen Leben abziehen lassen. Je schwerer die Zeiten, desto wirkungsvoller ist der Glaube auch in seiner politischen Funktion. Religion bietet eben das vergeistigte allgemein Menschliche, das zumindest jenseits der Wirklichkeiten des Alltags einen Menschen vorstellt, der auch in unmenschlichen Verhältnissen zu leben versteht. Sie verleiht dem isolierten Menschen eine quasi überirdische Kraft, einen Gott, der sich in ihm gestaltet, eine allgemeine Liebe, die sich als eine quasi übermenschliche Eigenliebe verhalten kann, wenn sie zugleich entsprechend selbstlos auftritt.

Besonders gut lassen sich daher durch Religion Werte begründen und vermitteln, die sich als Gebote, als Ethik des Übermenschen, als übernatürliche Ethik über den Lebensalltag erheben. In ihr wird eine Art Logik des Lebens formatiert, welcher sich der Gläubige nicht ohne große Schuld an seinem Leben entziehen kann, der er als vereinzeltes Individuum zu gehorchen hat, um allgemeiner Mensch zu sein. Damit wird das Lebensgebot einer abstrakten Menschenliebe vorlegt, die übermenschliche Vorsorge einer Liebe, die – auch wenn sie niemandem wirklich zuteil wird – doch Hoffnung auf einen höheren Sinn des Lebens spendiert, gerade wenn es konkret sinnlos erscheint.

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zuständ ist“. (MEW 1, S. 378)

schrieb Karl Marx 1843. Sei das „Opium des Volkes“, mit welchem das irdische Desaster ertragbar wird, das „Jammertal, dessen Heiligenschein die Religion“ (ebd) ist. Ich zitiere weiter:

„Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur, ihr Ehrenpunkt, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. … Die Religion ist … die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt. “ (MEW 1, S. 378)

Solche Religion unterstellt eine Bedrängnis der menschlichen Beziehungen(1), die sie aufhebt, die sie zu einer reinen Selbstbeziehung wendet, zu einer Beziehung in einer Liebe in Gott, an die man einfach nur glauben muss, – an das Himmelreich eben, über die sie aufgehn soll. Jede wirkliche Beziehung ist hierdurch ein Moment der Ewigkeit, eine Beziehung in einem Paradies der Liebe, das nicht von dieser Welt, das aber in Zukunft versprochen ist. Sie stellt damit eine jenseitige Selbstbeziehung vor, eine Selbstbezogenheit, die ihr Wesen aus Gott schöpft, so dass die Menschen hierin völlig selbstlos sein können. Das macht sie zu einem unerschöpflichen Reservoir einer egozentrischer Selbstbegründung, die sich permanent verleugnen kann, um in dieser Welt der konkurrierenden Selbstigkeiten als höhere Form der sozialer Bezogenheit anerkannt zu sein. Im Altruismus ihrer öffentlichen Funktion bewahrt sie vor allem den abstrakten Egoisten, indem dieser als Gott sich in den Institutionen der Kirche wie eine individuelle Persönlicheit privatim bestärkt und bestätigt. Gib dich als Liebe aus und du wirst bestärkt sein, weit stärker sein als ohne Glaube, stärker als eben jeder Ungläubige. Sei das Kind deiner Selbstliebe, um deine Liebe über alles zu stellen, was dich liebt.

Und auf diese Weise wird die Gotteskindschaft zu einer ungemein starken Selbstbehauptung, die Kindschaft zum Instrument der herrschenden Verhältnisse, der allgemein vereinzelten gesellschaftlichen Beziehungen, der Privatbeziehungen vereinzelter Menschen. Herr erbarme dich. Gelobt sei der Herr! „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr das Himmelreich nie erlangen“.

Erwachsene dürfen sich in ihrer Beziehung zu Gott wieder wie Kinder fühlen und verstehen, ihrer Verantwortung in der wirklichen Welt durch aparte Selbstgefühle in Demut und Gnade durch Gott enthoben sein. Das macht die „Schafsnatur des Christen“ (Marx), der seinem Hirten frohen Herzens huldigt und ihm sein Fell überlässt – vielleicht in der Hoffnung, dass der ihn dann nicht zur Schlachtbank führt. In der Kirche wird dies allsonntäglich auch entsprechend gepflegt, ganz besonders zauberhaft, weil schmuckreich verzaubert, in der katholischen Liturgie. In der „Heiligen Messe“, wie der katholische Gottesdienst als Sakrament der „Heiligen Kirche“ genannt wird, dürfen es alle Gläubigen in gleicher Weise und aus gleichem Sinn bekennen und gerade in diese Vergegenwärtigung eines gleichgeschalteten Gemüts in einen ansonsten unerreichbaren Gemeinsinn einstimmen.

Die Selbstlosigkeit des religiösen Menschen

Dein Glaube wird Dich retten – auch wenn Du nicht weißt wovor.
Altruismus ist die gesteigerte, durch Verkehrung unkenntlich gemachte Form eines Egoismus, der im Austausch mit der Liebe der Abhängigen, der Zugehörigen und Hörigen, genährt wird. Von daher ist Selbstlosigkeit das Markenzeichen einer unbeschränkten Selbstsüchtigkeit. Die wirklichen Verhältnisse der kapitalistischen Gesellschaft verlangen einen gnadenlosen Egoismus von den Menschen, wenn sie nicht untergehen wollen im Kampf um Einkommen und Arbeitsplatz. Wenn sie dies nicht als ihre Fessel und Knechtschaft erkennen, dann bietet der Altruismus der Nächstenliebe einen bequemen Ausweg im Selbstgefühl, in welchem das Verlangen nach Überlebensmacht, also Lebensherrschaft, als besonders unterwürfige Beziehungsform zelebriert wird. Man wird zum Subjekt einer allgemeinen Menschenliebe, die von Gott gegeben und daher auch gottergeben sein will. Dafür eben sei Gott Mensch geworden, wie es im Evangelium verkündet wird. Und er wendet sich deshalb auch besonders den Armen, Kranken und Schwachen zu, weil sich nur an ihnen Selbstlosigkeit wirklich beweisen lässt. Ihnen sind die Seligpreisungen des Neuen Testaments gewidmet: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihrer ist das Himmelreich.“ „ Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.“ „ Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ (Matt. 5:3-12). Jedem Reichen seine Bergpredigt und er fühlt sich befreit von der Ödnis der Gleichgültigkeit seines Besitzstandes, fühlt sich wie ein Armer, ist seelisch bereichert durch das Selbstgefühl der Armut, wie es ihm durch seine Nächstenliebe möglich wird.

Und gerade darin trifft sich Bereicherungssucht mit wirklicher Armut, denn Arme sind zur Bedürfnislosigkeit gezwungen, in ihrer Selbstbeziehung ohnmächtig. Total wird ihre Ohnmacht, wenn sie auf Erbarmen der Mächtigen verwiesen werden. Damit ist im Kern ihre Existenz vollständig negiert und ihre Abhängigkeit absolut. Diese Barmherzigkeit ist ihre Verhöhnung, ihre vollständige Entmenschlichung. Aber sie macht den Barmherzigen zum Träger übermenschlicher Liebe, Fürsorge und Geduld, indem er die Armen der Barmherzigkeit Gottes unterwirft. In der Unerträglichkeit ihres permanenten Selbstverlustes lässt sich in der Armut die gebenedeite Unterworfenheit aber auch als Selbstveredelung erfahren. Sie kann betören und besoffen machen. Arme beten gerne, wenn sie keinen Ausweg für sich mehr erkennen können. Und so treffen sich in der Religion alle Kinder Gottes, was auch immer ihr wirkliches Leben ausmacht. Alle Beziehungen, die in solch abgehobener Liebe verlaufen, sind doppelbödig, weil sie ihr wirkliches Sein mit dem vertauschen, was als wirkliche Liebe, als Gabe der Nächstenliebe erscheint. Das Haus Gottes wird zu einer wirklich totalen Existenzmacht, irdische Autorität zu göttlicher, weil sie gibt, ohne zu zeigen, was sie nimmt. In diesem Liebeskarussel entsteht Macht durch Unterwerfung, wird der Mensch über Menschen mächtig, der als ihr untergebenster Diener auftritt. Das ist das Prinzip katholischer Seelsorge und es verschafft sich auch die entsprechenden Lebensräume in den Institutionen ihrer Kirche.

Die älteren Katholiken kennen es wahrscheinlich aus ihrer Ministranten oder Pfadfinderzeit, das Gemunkel über das seltsame Benehmen des Herrn Kaplans oder die erstaunlichen Berichte über den Küster oder die abstrusen Fürsorglichkeiten der Gemeindeschwester. Nix Genaues wusste man. Aber Verdächtigungen und Zuweisungen in dieser Hinsicht waren ganz gewöhnlich. In Hunderten von Büchern und Berichten steht auch seit langem viel darüber, was nun schließlich doch auch in den öffentlichen Medien publik geworden ist. In vielen Gerichtsprozessen war es aber längst thematisiert. Bei dem sadistischen Triebtäter und Kindermörder Jürgen Bartsch waren die fürchterlichen Erfahrungen der mörderischen Züchtigungsmethoden der erziehenden Nonnen in einem katholischen Waisenhaus als auslösendes Trauma seines sadistischen Tötungstriebs schon in den 60ger Jahren erkannt und anerkannt worden.

Unzählige Berichte von Insassen der psychiatrischen Anstalten erzählen davon, wenn sie über die Herkunft ihres Leidens nachdenken, wenn sie wissen wollen, warum sie nicht zu einem eigenen Leben finden konnten. Überall kam da was vor, was mit dem Nießbrauch einer erzieherischem Gewalt und offenem Sadismus einherging. Doch die Strafimpulse der sadistischen Perversion waren nicht durch die persönliche Dominanz vertreten worden, sondern durch Gottes Wille, durch eine höhere Notwendigkeit der Züchtigung zur „Reinheit des Herzens“. Es war die Gewalt einer Schuldproduktion, die als aufgezwungene Dankbarkeit für eine Kindschaft unter der unendlichen Übermacht eines liebenden Gottes wirksam werden sollte. Die katholischen Erzieher und Erzieherinnen sollten ihre Zöglinge bei geringen Vergehen hart bestrafen, um die Verschuldung gegen die Allmacht der Güte Gottes zu bestätigen. Persönlicher und religiöser Sadismus waren da immer beisammen und die grausamsten Machtausübungen als Strafe in Gottes Liebe ausgeben. Prügelstrafe war in vielen katholischen Waisenhäuser und „Fürsorgeheime“ Alltag. In diesen Heimen kam es auch vor, dass Kinder, die ein schlechtes Essen erbrachen, ihr Erbrochenes noch mal essen mussten, um zu erfahren, was die Missachtung gnädiger Gaben zur Folge hat, zu welcher Gewaltanwendung und Erniedrigung sie führt.

„Selig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ (Matt. 5:8)

Katholische Selbstermächtigung ist der Allmacht Gottes zu verdanken und daher in sich selbst unendlich. Gottes Allmacht ist die Macht der Willkür und sein Wort geschehe „wie im Himmel also auch auf Erden“. Wer dem Wort Gottes gehorcht, kann sich seiner Gnade versichert fühlen und braucht die wirkliche Welt nicht mehr zu fürchten. Und wer sich in der Barmherzigkeit Gottes versteht, der ist frei von den Beschränkungen seiner Natur. Doch diese Gehorsamkeit verlangt umgekehrt auch, dass er sich von seiner Natur freimachen kann, sich ihrem Verlangen zu widersetzen versteht, wo sie sich regt. Die Versuchung führt ab vom Gottes Reich und stellt den Antagonisten zum Reich Gottes, den Satan dar. Der ist die Finsternis des Todes und hatte schließlich Gottes Sohn versucht, um ihn zu zerstören. Aber er blieb stark gegen ihn. So soll es ihm jeder Christenmensch gleich tun.

Das höchste Prinzip der katholischen Kirche ist die Reinheit des Herzens, die Bereinigung des Selbstgefühls von allen Begierden des Lebens. Die Verkommenheit der Welt lässt sich hierdurch erklären und wer die Welt läutern will, der muss dies zuerst mal mit sich tun. Das katholische Clearing ist in dieser Hinsicht dem der Scientology Church in seiner Funktion ähnlich. Aber es ist in seiner geistigen Wirkung auf die Identität von Menschen auch ohne technischen Humbug sehr viel sinnlicher und greift ins Körpergefühl unmittelbar ein. Es entzieht ihm nicht nur seine Empfindungen, sondern bestraft es selbst in körperlicher Konsequenz, wo es gefehlt hat. Sühne durch Schmerz und Herabwürdigungen des Lebens durch ewige Anbetung des Glaubens gehören zu den Grundlagen des katholischen Büßerdaseins. Es macht seine Intimität aus, die permanente Überprüfung der Regeltreue nach dem Katechismus im Beichtstuhl vor den Stufen des Altars. Das „Mea Culpa“ ist die Bedingung der Befreiung von den Sünden und damit der Freiheit in der Gemeinschaft Gottes und der göttlichen Heerscharen, die Bedingung, in Gottes Heer ein Krieger des Guten zu werden. Zum „Altare Gottes will er treten, zu Gott, der ihn erfreut von Jugend auf“ – so lautet ein katholisches Stufengebet.

Jesus Christus sei Gottes Sohn auf Erden und konnte nach katholischem Glauben daher auch nicht menschlich gezeugt worden sein. Die „unbefleckte Empfängnis“ Mariens gilt auch heute noch als wichtiges Dogma dieser Kirche. Und das steht für das gesamte Körpergefühl, wenn es dem reinen Herzen des katholisch Gläubigen entsprechen soll. Die Natur seines körperlichen Daseins selbst macht den katholischen Menschen sündig und verlangt seine Buße – vielleicht nicht mehr so sehr durch blutige Kniee auf Pilgerfahrten, wohl aber immer noch durch Selbstzucht und Züchtigung, Bindung an das heilige Sakrament der Ehe, Buße und Eucharistie, also Verbot sexueller Beziehungen vor oder jenseits der Ehe und der Verhütung, Abtreibung und sexueller Selbstbestimmung.

Die katholische Sittenlehre verlangt daher die genaue Unterscheidung und Kontrolle der Beziehung der Geschlechter, klare Trennung ihrer Kulturen, daher auch nur männliche Priester und ihr Zölibat. Früher waren auch die Gebetsreihen der Frauen und Männer in der Kirche getrennt. Es war unzüchtig, beim Gebet die Nähe anderer Geschlechtlichkeit zu spüren. Und so soll der katholische Geistliche auch überhaupt nicht hiermit konfrontiert sein. Das stellt ihn auf die reine Geistlichkeit ein und stählt seine Selbstkontrolle. Die Reinheit der Gefühle, ihre Veredlung zu heiligen Gefühlen, muss hart erkämpf werden. Am Ende steht die Nähe zur Mutter Gottes, der ewigen Jungfrau mit der unbefleckten Empfängnis Gottes, der von seinem Körper vollständig enthobene Geist des weiblichen Geschlechts. Der hinterlässt  nicht nur auf italienische Männern großen Eindruck.

Doch der Kampf um körperliche Reinheit ist eine Opfergabe und verlangt auch seine Opfer. Geopfert wird das, was hierbei überwältigt werden muss: Eine natürliche Beziehung zwischen Männern und Frauen. Die Geschlechter müssen überall unterschieden gelten um unterschieden zu sein. Und darüber verläuft auch ihre Trennung. Der Sozialraum der Kirche, der Raum ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen, ist von Haus aus homosozial. Homosozial, das ist die Ausgrenzung des anderen Geschlechts, die soziale Abspaltung der Frauen von den Männern und der Männer von den Frauen. Aber das menschliche Leben ist immer beides: Mann und Frau. Das Leben der Geschlechter und die Art und Weise, wie sie sich aneinander bilden und ausbilden, wie sie sich erfahren und nähern, kurz: wie sie sich als menschliche Beziehungen entfalten, wird daher durch Geschlechtertrennung wesentlich deformiert. Und das Deformierte kann seine Form auch nur durch Rekonstruktion finden.

Die Rückbesinnung auf das eigene Geschlecht wie auch auf das andere verläuft über die Methaphern eigener Ursprünglichkeit, die in der herrschenden Wirklichkeit zwar altertümlich daherkommen muss, aber längst nicht überwunden ist. Sie wird wieder gerade wegen ihrer Antiquität durchaus modern, eben weil sie sich durch die Jahrtausende alte Geschichte der katholischen Kirche unüberwindbar zu geben vermag. Der Event der Alltagskulturen, die herrschende Reizkultur, offenbart in ihrer Flüchtigkeit und ihrem Körperfetischismus eine weitgehende Ignoranz gegen das konkrete Leben der Geschlechter. Ihre Abstraktheit zeigt sich in ihrer Reizüberflutung und Selbstverwertung, ihrer Unfähigkeit, menschliches Leben noch wirklich gestalten zu können, Geschichte zu verlieren um Erleben zu gewinnnen. Hiergegen stellt sich Religion oft geradezu wie eine menschliche Geschichte heraus, weil sie sich als Geschichte des Menschen zu geben versteht. Da gibt es noch eine Art von Weisheit und Überlebensmacht, eine sehr praktische Philosophie des Paradieses, der Erbsünde und der Befreiung durch die Marter am Kreuz. Also kann man restaurative Einflüsse solcher Heilsbotschaften ruhig auch wieder mal gelten lassen, vor allem, wenn sie doch auch recht bunt und bilderfroh und von daher vorstellungsmächtig daherkommen.(2)

Homosoziale Beziehungen haben aber nicht nur religiösen Ursprung. Sie entstehen überall, wo sich Individualität aus äußeren Zwängen heraus totalisieren muss, wo das Vertrauen in die eigene Kraft und Macht Überlebensprinzip ist, wo das Gleiche Macht verstärkt und das Unterschiedene sie schwächt. Wo individuelle Eigenschaften sich verallgemeinern lassen, wird das Einzelne auch für sich allgemeiner und mächtiger. Fast jeder Kult der Macht beruht daher auf einer Verselbständigung des geschlechtlichen Selbsterlebens. Je weniger die soziale Wirklichkeit der persönlichen Beziehungen, vor allem der bürgerlichen Familie, gelingt, desto wirkungsvoller ist das Klischee geschlechtlicher Rollenaufteilung. In den Vorstellungen eines abgehobenen Geschlechtslebens werden die Rollen mächtig, die im konkreten Lebenszusammenhang isolierter Beziehungswelten nur noch mangelhaft – wenn überhaupt – vorkommen.

Die Stärke von homosozialen Lebensräumen besteht in der Kraft der Verschmelzung, der Symbiose mit Seinesgleichen, und diese bezieht sich wiederum auf die wirklichen Lebensstrukturen der Menschen, denen ihr eigenes Leben entzogen wird. Religiöse und ideologische Auffassungen beziehen daher ihre Macht durch die Vereinseitigung der Geschlechterrollen, bereichern sich in ihrer Einseitigkeit durch homosoziale Beziehungen. Männerkulte und Damenkränzchen sind voller Häme und Erniedrigungen. Was in der Abschirmung sich besonders entfaltet ist das, was im sonstigen Leben unverwirklicht ist und was an wirklicher Erniedrigung nicht ertragen wird. In den eingeschlossenen Kreisen des eigenen Geschlechts entwickelt sich vor allem, was den Menschen in ihren wirklichen Geschlechtsbeziehungen unerreichbar wurde. Und was sie sich hier antun, entsteht aus der Not, die sie hier nicht mehr verspüren wollen und können und wodurch sich ihre Selbstverfangenheit durch die Pervertierung ihrer Gefangenschaft gegen andere wendet. Für sich erscheint solche aparte Geschlechtlichkeit somit entspannt, gereinigt von der Last ihrer Wirklichkeit. Aber solche Entspannung kann nur gewalttätig erzwungen werden.

Das zertrennte Geschlecht

Menschlich begriffen ist Geschlecht wesentlich weder körperlich noch geistig, sondern immer beides in einem – eben Gattungswesen, Menschlichkeit in seiner Männlichkeit und Weiblichkeit. Erst durch die Vorkehrung des Einen gegen das Andere entsteht eine soziale Ausgrenzung, die Aufsplitterung einer kulturellen Einheit. Im Männerkult und Frauenkult wird das isolierte Geschlecht zum Subjekt einer Abstraktion, zur Männlichkeit und Weiblichkeit an sich. Erst hieraus entstehen die Einfältigkeiten geschlechtlicher Neigungen als rein körperliche Geschlechterspannung, die sich ihrem geistigen Inhalt entziehen und entziehen lassen. Das aus seinem gesellschaftlichen Zusammenhang abgespaltene Geschlecht tritt gerne eitel auf, aber indem es zu höheren Zwecken aufgezogen wird, entzieht es sich zugleich auch den Menschen, an die es sich wendet. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, die von ihrer Wirklichkeit bereinigt sind, werden selbst zu einer Belastung, weil ihnen eben auch das entzogen ist, was sie am Leben hält. Im Entzug entsteht ein unendliches, weil friedloses Verlangen, Verlangen ohne reale Chance einer Befriedigung. Dieses Verlangen kennt zwar keine irdischen Widrigkeiten und Niedrigkeiten, nicht Neid, Eifersucht, Rache, kurz, keine wirklichen Liebesschmerzen. Aber es hebt zugleich jede eigene Wirklichkeit in einen hohen Grund auf, in die erhabene Welt einer veredelten Selbstbezogenheit, welche den Menschen dieselbe Abstraktion abverlangt, die ihre Bereinigung erwirkt hat und erwirken muss. In Wirklichkeit entwickeltet solches Selbsterleben sich zu einer Herrschsucht, die sich als herrschende Liebe geltend machen muss, um den Menschen zu einem Lebensgebot zu werden. Sie betreibt Gewalt und Erniedrigung, indem sie die Menschen aus einer lieblosen Welt an sich bindet.

Von den hieraus sich produzierenden Pervertierungen ist schon immer viel zu erfahren. Überall, wo hohe Zwecke ausgegrenzte zwischenmenschliche Beziehungen bestimmen, herrschen innere Gewaltbedürfnisse, die sich nicht ohne weiteres begreifen lassen. Besonders aus abgeschotteten Männerwelten wurden derzeit Berichte publiziert, welche die alltägliche Wahrnehmung ziemlich abrupt durchkreuzten. Da quälten Männer der Bundeswehr ihre Kumpanen mit abstoßenden Ritualen und Ekeleien oder machen aus den Schädeln ihrer Opfer Trophäen ihrer Machtverkommenheit; Vergewaltigung und Verhöhnungen sind in der Welt der Todesverachtung ganz gewöhnlich. Und auch untereinander wird angetan, was einem selbst angetan ist. Die besonderen Formen solcher Beziehungen sind hinreichend bekannt. In der aparten Abschottung selbstverlorener Selbstbezogenheiten entstehen eben auch aparte Gelüste, sei es durch die besonders pädagogischen Erotik von Lehrern oder Erziehern, oder die  besonders intime Aufklärung durch den Pfarrer in der katholischen Kirche oder anderes. Dies alles sind Phänomene abgetöteter Geschlechtlichkeit.

Aber mit Sexualität hat das eigentlich nichts mehr zu tun. Natürlich ist auch das Verhältnis von Erwachsenen und Kinder ein geschlechtliches Verhältnis im ursprünglichen Sinn. Niemand wird sich sonderlich daran stören, wenn Eltern ihren Babies den frisch polierten Po küssen oder die kleinen Mädchen den Penis ihres Vaters erkunden wollen, kleine Jungs im Schoß ihrer Mutter kuscheln. Aber in den Institutionen einer sozialen Macht, besonders eben dort, wo die Beziehungen der Menschen homosozial bestimmt sind, wird Geschlecht auch leicht zum Mittel der Macht. Sexualität wird zum Austragungsort einer ungeheuerlichen Verstümmelung. Sexuell verstümmelte Priester und Pädagogen verstümmeln Kinder, indem sie ihnen ihre geistige Macht als Mittel des Nießbrauchs ihrer Geschlechtlichkeit aufzwingen. Es ist dies daher eine geistige Verstümmelung, mit denen die benutzen Kinder weiterleben müssen, sie müssen ertragen, dass sie sich geistig in bestimmter Beziehung abgegeben und verloren haben, sich geistig geknechtet erleben müssen.

Und diese Knechtung ist die Konsequenz einer in der Erwachsenwelt selbst entgeisterten Sexualität, einer geistig ausgegrenzten Körperlichkeit des Geschlechts, Folge pervertierter Homoerotik. Die kann viele Gründe haben. In der katholischen Kirche sind sie jedoch offenkundig: Ihre Grundstruktur greift direkt nicht nur in die Lebenswelt ihrer Geistlichen, der Priester, Mönche und Nonnen, sondern zugleich tief in die intimsten Winkel ihrer Persönlichkeit. Geschlechtliche Selbstverwirklichung soll für sie völlig ausgeschlossen sein. Das scheint auf den ersten Blick eigentlich auch jedem katholischen Laien verrückt und unnötig. Warum sollen die Diener der Liebe Gottes, an seiner Welt und Natur, an der Allmacht seiner Güte nicht selbst teilhaben? Wie sollen diese „Hirten“ ihre Schäfchen im Alltag ihrer Liebesgeschichten verstehen, wenn sie nicht selbst daran teilnehmen dürfen? Aber gerade das ist es.

Die katholische Selbstentsagung verfolgt eine lang erprobte Technik, wie sie auch in anderen geistigen Übungen praktiziert wird und so unmodern gar nicht ist: Geschlechtliches Empfinden wird durch Selbstbeherrschung zu einem geistigen Selbstgefühl, zu einer Selbstveredlung geistiger Regungen. Die abgesonderte Leiblichkeit kehrt zurück als ein überirdisches Wesen in großer Nähe zu Gott. Man kann umgekehrt sagen: Gott wird hierdurch sinnlich, verliert seine theoretische Gestalt und öffnet sich dem leibhaftigen Menschen als sein wirklich geistiges Wesen. Was dann aber wirklich ist, wird von dieser Geistlichkeit beherrscht und in der Wahrnehmung beschränkt. Die Wirklichkeit wird ihrer Wirkung nach in der Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung von den anderen Menschen bereinigt. Sie lernen, sich selbst mit den Augen eines Übermenschen anzuschaun.

Und damit ist ihnen schon im Vorgriff das genommen, das sie fortan nicht haben oder bilden können: Irdische Erkenntnis, Selbsterkenntnis des Menschen im Menschen. Die ausgeschlossene Geschlechtlichkeit ist daher weit mehr als nur eine Sexualverdrängung, wie Psychoanalytiker dies nennen und ist auch keine Sublimation, die zu höheren geistigen Kulturen, Leistungen und Leidenschaften führen sollte. Sie ist vor allem eine Knechtung des menschlichen Geistes und Bewusstseins. Und im Grunde geht es hier nur darum.

Die Selbstbereinigung

Die von ihrer wirklichen Beziehung bereinigte Selbstwahrnehmung vollzieht sich in der gebotenen Reinheit, in der Abstraktion, die selbst Heil und damit Heilung von den Qualen ungestillter Sehnsüchte verspricht. Was nicht wirklich befriedigt werden kann, weil es als unrein gilt, befleckt und Ausgeburt einer Selbstentwertung, das kann in der Vorstellung seiner Reinheit als überirdische Erlösungskraft eines abstrakten Selbstgefühls erfahren werden, als Erscheinung des Ausgeschlossenen in purer Negation. Die geistige Knechtung durch den Zölibat ist einer der Grundmechanismen der geistigen Fixierung an jenseitiges Selbstgefühl. Es ist nicht sexualisierte Jenseitigkeit, wie das gerne behauptet wird, sondern umgekehrt: Aufgelöste Diesseitigkeit des Denkens und Erkennens. Es ist die Grundlage für die Einfältigkeit eines Geistes, der zum Entzug aus dem Diesseits gezwungen wird. Es ist die Betäubung des wirklichen Lebens, Lebensdumpfheit, die in einer Verewigung des Glaubens, in unendlicher Gläubigkeit aufgehen muss und so das stärkste Mittel zum Selbsterhalt einer Kirche geworden ist. Es ist die Verstümmelung des Erkenntnisvermögens um der Verklärung menschlicher Erkenntnisse dienstbar zu sein. Denn daraus besteht letztlich Religion: Es ist verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen.

Weil die katholische Kirche immer noch einer von irdischer “Verführung“ gereinigten Sexualität den Altar bereiten muss, also ihre Funktion als Agent einer unterworfenen Sexualität nicht aufgeben kann oder will, kann sie nicht auf den Zölibat verzichten. Das mutet heute zwar etwas seltsam an und wird von “aufgeklärten Katholiken“ sicher weit von sich gewiesen. Aber gerade durch diesen Mantel der Aufklärung und der gleichzeitigen zolibatären Selbstverleugnung ihrer Geistlichkeiten passt sie wieder als Sexualmoral in eine hoch sexualisierte Reizkultur, die an ihrer eigenen Sinnhaftigkeit zweifeln muss. Es ist die Chance des reaktionären Bewusstseins, in derselben Bigotterie wieder Fuß zu fassen, die den autoritären Charakter bestärkt – längst vergessen, aber gerade mal wieder gefragt.

Die in der Presse ausgiebig zur Schau gestellten Verbrechen an Kindern empören in dieser Offenheit alle, auch die autoritären Charaktere der Pastoralethik. Aber sie sind etwas ganz normal Katholisches, etwas, das sozusagen dazu gehört, das höchstens besser geheim bleiben sollte, wenn es so sexuell aufkommt. Es ist eigentlich das Verbrechen geistiger Verstümmelung, das in dieser Kirche vielfältige Formen hat. Und als diese Normalität innerhalb der Kirche hatten es ja auch die zuständigen Bischöfe und Priester noch bis in die Berichterstattung hinein wahrgenommen. Für sie war es immer noch eine Intimität der Kirche und ihrer Glaubensbrüder und durfte doch nicht einfach der Welt oder einer Staatsanwaltschaft ausgelieferte werden! Nein, es war eben das Treiben sündiger Menschen, ganz gewöhnlicher Gotteskinder, die im Schoß der heiligen Kirche ihren Schutz behalten und ihre Gnade und Barmherzigkeit erfahren sollten. Und da zählt das weltliche Leben der profanen Kinder eben doch nicht so sehr.

Es hatte daher eine ganze Weile gedauert, bis man begriffen hatte, dass das nicht mehr so weitergehen kann. Zumindest kann die öffentliche Verdrängung so nicht mehr funktionieren. Das ist der Punkt und der eigentliche „Skandal“. Die öffentlich gewordene Brutalität katholischer Süchte musste unbedingt von dem gewöhnlichen Gebrauch unterworfener Menschen abgegrenzt werden.

Die katholische Kirche, die sich doch gerade mit ihrem Medienpapst wieder in die Herzen mancher Jugendlicher eingeschmeichelt hatte, wollte mit ihrer Sozialethik soeben ihre neue Rolle starten, nachdem ihre mittelalterlichen Riten an Faszination verloren hatten, nachdem ihr Priesternachwuchs in den reicheren Ländern ausgeblieben war. Sie wollte eine neue, eine moderne Kirche werden und wurde dabei in den Medien auch noch prächtig unterstützt. Bischöfe, Pfarrer und Nonnen durften in Fernsehserien wie z.B. „Um Himmels Willen“ oder „Pater Braun“ eine Profanität und Weltlichkeit ihrer Bedürfnisse und Wünsche zur Schau stellen. Aber eben nur so, dass Geschlechtertrennung, Keuschheit und Gotteskindschaft gewahrt und bestärkt werden. Irgendwie schien die so sinnesstarke katholische Liturgie wieder besser in die Welt zu passen, besser vielleicht, als die nur wortreiche aber ansonsten karge evangelische Kirche. In einer Kultur, wo jeder Eindruck bildhaft geschmückt und verstärkt, das Gemüt an objektiv gemachten Gefühlen orientiert wird, Musik im Ohr und Bild vorm Kopf ständiger Begleiter ist, kann auch der katholische Gott wieder besser verspürt werden. Wahrscheinlich hat er längst schon seinen Platz in iTunes. Katholische Beichte gibt’s auch schon im Internet, wahrscheinlich auch ein Chat mit Gott Vater oder Gottes Sohn.

So gab es von unerwarteter Seite wieder Zulauf. Und es waren über die neuartigen Selbstdarstellungen der Kirche immerhin viele katholische Laien auf die Idee gekommen, dass ihr Glaube weltlicher und weiblicher, dass die Pastorale natürlicher und lebensfroher werden könnte. Sie erhofften sich endlich die Freistellung der Priester vom Zölibat und sogar die Zulassung von Frauen zum Priesteramt, also ein Ende der homosozialen Macht-Strukturen in den katholischen Pfarreien. Doch weit gefehlt. Genau das geht nicht, denn das würde die Fundamente der katholischen Morallehre auflösen, ihre Theologie der unbefleckten Reinheit gänzlich zugrunde richten. Und damit wäre auch ihre soziale Rolle als eine sittliche Komponente in der bürgerlichen Kultur hinfällig, die sich von der anderen großen Religion des Bürgertums, dem evangelischen Glauben, darin auch weiterhin unterscheiden muss. Beide Religionen stellen den abstrakten Übermenschen der wahren Erkenntnis und Liebe aus dem Jenseits vor, um Lebensprinzipien der Anpassung der Menschen an unmenschliche Lebensverhältnisse zu installieren und zu festigen. Aber während die katholischen Pfarrer dies über die Sinnesmacht von Sünde und Buße betreiben, verpflanzen die evangelischen Pfarrer lieber ihr theologisches Herz in den Laien. Das macht weniger Probleme und passt eher in eine Kultur des Wortes, eben zur anderen Seite der Bilderwelt.

Aber beides ist dem Inhalt nach die Produktion verhängnisvoller Vorurteile und Entzug von Lebenswirklichkeit, geistige Auflösung der Widersprüche dieser Welt in die Einfältigkeiten eines höheren Geistes, in abstrakte Geistlichkeit, in die ewigen Gebote der Anpassung an Gott gegebene Verhältnisse, die hierdurch zu Gott ergebenen Verhältnisse werden. Religion ist der Missbrauch des menschlichen Geistes überhaupt, die Ermächtigung einer übermenschlichen Sittlichkeit gegen die Lebensmöglichkeiten der Menschen, die zum Prinzip erhobene Selbstverneinung menschlicher Lebenswirklichkeit. Und genau das ist das Grundprinzip des reaktionären Bewusstseins überhaupt. Es beruht auf dem selbstlos gemachten Menschen, auf dem Selbstgefühl einer Lebensverweigerung, auf der Verneinung einer inneren Freiheit, die alleine sich äußerer Beschränktheit entgegen zu stellen vermöchte. Ein solches Bewusstsein betreibt Selbstkontrolle zum Zweck einer Selbstveredelung, zur Überhebung einer formellen Artigkeit gegen die Widersprüche und Konflikte in dieser Welt. Und dies ist durch die Art des Übermenschen bestimmt, durch welchen vor allem das Abartige gekürt und das vereinzelte Individuum im Allgemeinen bewertet wird. Artigkeit mag von der katholischen Kirche oder von der Scientology Church definiert sein. Es ist im Grunde das gleiche sektiererische Konzept. Man einigt sich auf ein Subjekt der Selbstkontrolle, um sich als dieses auch wirksam zu machen und entfalten zu können. Die Einigkeit der Reaktion besteht darin, dass nur der artige Mensch einer wirklich erhabenen, einer edlen menschlichen Art entsprechen kann.

Reaktionäres Bewusstseins entsteht im Sumpf der Widrigkeiten der vom Geld besessenen Menschen. Es will die Menschen in einem Geist fixieren, der seine Enteignung selbst betreibt und Maßstab für jeden Selbstwert wird. In dieser Selbstlosigkeit gedeiht immer wieder ein autoritärer Charakter, der das Glück seiner Willkür erfahren darf, wenn er die geeigneten Lebensräume und Institutionen für sich zu erobern versteht. Es ist ihm gleichgültig, ob er das in einer streng patriarchalischen Familie oder in den Gemäuern staatlicher oder kirchlicher Erziehungseinrichtungen findet. Dieser Charakter ist die Maske eines Krisenstaates, der sich nur durch Gewalt erhalten kann und sich auch nur von ihm entsprechenden Persönlichkeiten absichern lässt, sei es in Kirche, Schule oder Bundeswehr.

Wieweit sich solche Persönlichkeiten wieder stark machen können hängt aber letztlich von den Menschen ab, die hiervon Kenntnis haben und sich immerhin noch deutlich hiergegen wehren. Aber in den Nischen keimen sie wieder, diese unglücklichen Gestalten, die nicht in der Lage sind, aus ihrem unglücklichen Bewusstsein ein Bewusstsein ihres Unglücks werden zu lassen.

Die Kritik der Religion ist daher wesentlich eine Kritik der Reaktion. In ihr sind alle Elemente des Anpassungsbedürfnisses enthalten, das Bedürfnis, die Menschen der Entfremdungsmacht ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse zu unterwerfen. Von da her schreibt Marx:

„Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (Marx-Engels-Werke Bd.1, S. 385)

In der Aufklärung über die religiös gekleidete Menschenverachtung geht es nicht um eine neue Definition des Menschen oder der Menschenliebe, sondern lediglich um eine

„Reform des Bewußtseins – nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch auf.“ (Marx-Engels-Werke Bd.1, S. 346)

Und der junge Marx schließt an diese Feststellung die Hoffnung an:

„Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. … Es handelt sich um eine Beichte, um weiter nichts. Um sich ihre Sünden vergeben zu lassen, braucht die Menschheit sie nur für das zu erklären, was sie sind“. (Marx-Engels-Werke Bd.1, S. 346)

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Fußnoten:

(1) Die christliche Religion vermittelt vor allem Liebe, zumindest den Glamour der Menschenliebe, wie sie von Gott gespendet sei. Gott liebt dich und wenn du daran glaubst, dann verspürst du es auch und wenn du es spürst, dann liebst du dich auch in dieser Welt der Konkurrenz, der seelischen Gefährdungen und des Hasses. Diese Eigenliebe scheint eine selbstverständliche Notwendigkeit zu sein, so selbstverständlich, dass es Pfarrer Fliege in jeder seiner Fernsehsendung immer wieder betonen muss. Und die Psychologen werden ihm auch beistimmen: Wer sich nicht lieben kann, wird auch andere nicht lieben können. Doch war mit Liebe nicht selbst schon ein bestimmter Inhalt menschlicher Beziehungen und auch eine Beziehung zu Gegenständen menschlicher Bedürfnisse gemeint? Wo ist da der Ursprung und Grund? Warum soll Eigenliebe Liebe zu anderen Menschen begründen? Ist Liebe einfach eine Befindlichkeit, an die man Glauben kann, durch die man Umgang pflegt und damit erreicht, was man sein will? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“. Gib Liebe um deiner selbst Willen! Diene dem andern, um dir selbst zu dienen. Ist das nicht die Grundlage eines jeden Geschäfts, etwa als das psychologische Geschäft einer Vertragspartnerschaft: Ich bin ok, du bist ok. Doch wer oder was heißt dann ok?

(2) So bleibt es für viele Menschen auch wieder bei einem Gott, der in jedem ist, der als individuelle Allgemeinheit in jedem Menschen herrschen und ihn ausrichten soll und der daher auch weiterhin männlich, Gott Vater ist. Und die übermenschliche Frau, die heilige Mutter Gottes, ist auch keine schlechte Vorstellung, wenn man sie gegen die Unendlichkeit der Monster kulturbegabter Aliens hält. Sie ist die ewige Mutter und gebiert immerhin Gottes Sohn, ist „unbefleckter“ Ursprung des Gekreuzigten, der Sinnesgestalt der Erlösung, der Aufhebung der Erbschuld und des irdischen Leidens. Denn dieses Leiden war geblieben. Und hiergegen werden gerne gereinigte Gefühle, also abstrakte Gefühlsidentitäten gehalten, wie sie im Muttergotteskult gepflegt werden … und vielleicht auch in der Knabenliebe. Die Unzucht mit der Unschuld ist vielleicht ja auch der Aufzucht solch geheiligter Selbstgefühle analog. Von daher besteht eine gewisse Logik, warum so mancher katholische Geistliche sich darin erdet.

In vielen Religionen sind die Geschlechter strikt getrennt. Sie weisen jedem Geschlecht unterschiedliche Rollen und Aufgaben zu, die sie aus dessen Natur entwickeln und überhöhen. Nirgendwo ist dies so intim verankert, wie in der christlichen, besonders der katholischen. Mann und Frau sind göttlich als Vater und Mutter, die konkrete Familie zugleich als heilige Familie. Und als Gottvater und Mutter Gottes sind die Geschlechter völlig andersartigen Ursprungs und begründen darin intime Gegenwelten, die sich wesentlich fremd sein sollen und sich daher vor allem homosozial zu verwirklichen haben. Die Geschlechter können sich darin nicht bereichern, sondern müssen sich auf ihre Selbstbezogenheit verengen und sich in ihrer Einfältigkeit bestärken.

Psychologie des Amok

Gespräch mit Wolfram Pfreundschuh

Weder in den bürgerlichen Medien noch in der von ihr befragten Expertenwelt kann man gegenwärtig eine analytische Aufarbeitung des Amoklaufs finden. Alle stellen zwar die große Frage des „warum?“. Statt eines theoretischen Eindringens in das Phänomen gibt es aber nur ein gemeinschaftliches Rätselraten und ideologische Positionierungen (Computerspiele, „Ellbogengesellschaft“).

Der Psychologe Wolfram Pfreundschuh hat sich auch schon mit dem Massaker von Erfurt 2002 intensiv befasst. Er sagt, dass die Medien sich gar nicht mit der Geschichte des Amokläufers befassen wollen. Sie hätten nur Interesse an einer einfachen Erklärung, die sie subjektiv beruhigt, und die vor allem die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft, wie sie sich durch eine wissenschaftliche Analyse ergeben könnte, unnötig macht.

Die wissenschaftliche Analyse des Amok müsse sich sowohl mit den objektiven Bedingungen, unter denen der Amok entstanden ist, also der sozialen und kulturellen Umgebung, wie auch mit der subjektiven Geschichte, der besonderen Situation des Amokläufers auseinandersetzen. Aufgrund seiner Überlegungen kam Wolfram Pfreundschuh zu dem Schluss, dass der Amok eine besondere Art des Überlebens in der Vernichtung anderer Menschen ist – eine paradox klingende Antwort.

Emanuel Kapfinger: Wolfram, viele Psychologen und Kommentatoren, die sich jetzt zum Amoklauf in Winnenden äußern, sehen dessen Grund in einer fehlenden Anerkennung des Amokläufers. Der Amokläufer suche die ultimative Anerkennung in seiner Größe, in der Macht, andere einfach vernichten zu können. So erhält er die Anerkennung, die er in seiner Ausgrenzung nicht erfahren konnte und die er notwendig hatte. Was hältst du von dieser Theorie?

Wolfram Pfreundschuh: Was soll das für eine Anerkennung sein? Was macht er mit solcher „Anerkennung“, wenn er – und das weiß er – bei dem Amoklauf zugrundegeht? Man kann zwar einwenden, dass er einfach zu naiv sei, seinen eigenen Tod, durch den er ja wieder winzig klein wird, für möglich zu halten. Aber wozu dann das Ganze?

Richtig ist, dass er vor dem ganzen Prozess sich als „Looser“ erlebt hat und auch dazu gemacht wurde. Würde er aus dieser Unmittelbarkeit zu einer Waffe greifen, könnte man das noch anders begreifen. Aber es ist ein langer Prozess, in welchem seine Verlorenheit, sein Looser-Dasein, zu seiner einzigen Realität wird. Deshalb sehe ich darin keine Kraft und auch kein Bedürfnis mehr danach, sich durch Mord und Totschlag inszenieren zu wollen. Leider auch keine Kraft mehr zur Rebellion.

E.K.: Ist es so, dass der Amoklauf eine Art ästhetisches Selbsterleben darstellt? Das suggeriert ja der Waffenkult der Amokläufer wie auch ihre Inszenierung – lange schwarze Mäntel, Sonnenbrillen, „coole“ Posen, wie man es aus „Die Matrix“ kennt.

W.Pf.: Das sind doch alles weit verbreitete Haltungen bzw. Moden, die hier nur „mitlaufen“. Den Kern der Sache berührt das nicht. Auch die Grufties und Gothics haben viel mit Tod im Sinn. Aber als Mode oder Kult ist es nur symbolisch. Natürlich „passt“ eine solche Symbolwelt auch zu einem Selbstmordattentäter – aber eben nur so weit, wie er damit auch kokettieren kann. Auch wenn für die modischen Leute Amok inzwischen fast „kulti“ ist, leben diese Leute damit, dass sie es nicht tun müssen, dass also alles nur Assecoir ist.

Es ging, zumindest bei Tim Kretzschmer aus Winnenden, auch nicht um einen Waffenfetischismus. Dieser war nur eine Sache des Vaters. Der Sohn war lediglich im selben Schützenverein und dort ein ganz braver Junge. Das ist übrigens sehr wichtig, dass er in seiner wirklichen Selbstäußerung immer sehr brav war. Es kennzeichnet die Kluft, die in ihm ist: Das Bedürfnis nach Integration in eine Welt scheinbar unbeschränkter Möglichkeiten einerseits und der Erfahrung einer totalen Ausgrenzungsmacht, die ihn zutiefst ängstigt.

E.K.: Was ist dann der „Kern der Sache“? Wie entsteht der Amok?

W.Pf.: Es gibt immer ein Verhältnis im Geschehen selbst: Einmal die besondere Situation eines Menschen und einmal die soziale und kulturelle Umgebung, in der sich dieser Mensch befindet. Bei Robert Steinhäuser in Erfurt war das sehr eindeutig: Er hatte sich in eine ausweglose Lage gebracht, weil er seinen Eltern nicht sagen konnte, dass er auf einen wichtigen Test nicht vorbereitet war, dass er ein ärztliches Attest gefälscht hatte und dass die Direktorin ihn mit einer äußerst aggressiven und radikalen Formalie um seine Zukunftschancen gebracht hatte.

Eltern und Lehrer waren so weit weg von seiner Situation, dass sie das nicht verstanden hätten. Und so versteckte er sich fast ein halbes Jahr lang morgens in der Cafeteria der Schule, um seinen Eltern zu sagen, er sei in der Schule, und nachmittags entwickelte er eine Verlaufsform seines Hasses durch Computersimulation, sprich: Computerspiele.

Objektiv ist, dass die Zukunftsperspektiven und Chancen für seine Lage sehr schlecht standen. So ergeht es aber immer mehr Jugendlichen. Einerseits sind sie voller Erlebenssehnsucht nach unbeschränkter Bedürfnissentfaltung, andererseits steht ihre zukünftige Existenzmöglichkeit unter extremer Unsicherheit. Ihnen steht ein sehr enges Leben bevor, eine Gratwanderung in der Realisierung irgendeiner Existenzmöglichkeit. Diese Kluft zwischen beidem, dem reichen inneren Verlangen und der Gratwanderung ihrer materiellen Existenz, erzeugt eine permanente Spannung, die auch ihre sozialen Beziehungen bestimmmt. Die sind existenziell genauso notwendig, wie die Aussicht auf eine günstige materielle Lage. Bricht beides zusammen und erscheint das ausweglos, so kann jemand durchdrehen. Der Amoklauf soll dann diese Spannung auflösen – allerdings alles damit verbundene Leben auch.

E.K.: Das heißt, im Prinzip leben sehr viele Jugendliche in einem Widerspruch, durch den Amok entstehen kann?

W.Pf.: Für das „Einzelschicksal“ wichtig ist, dass der Widerspruch in keiner Weise formuliert oder artikuliert wird, – höchstens modisch. Tatsächlich leiden die meisten Jugendlichen und auch Älteren daran, dass ihre reale Lebenssituation, die oft voller Angst ist und auch von dem Gefühl einer absoluten Bedrohung oder Ausweglosigkeit beherrscht wird, permanent von den Erlebensmöglichkeiten einer Reizkultur überdeckt wird, durch die alles wieder erträglich sein kann. Diese Möglichkeit war den Amokläufern nicht mehr gegeben.

E.K.: War sein vieles Computerspielen auch ursächlich für den Amok? Gerade die Rechten sagen ja, dass für den Amokläufer die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen und er sein Spiel in der Wirklichkeit lebt.

W.Pf.: Falsch ist, dass erst das Computerspiel die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt. Ein Computerspiel kann das gar nicht, wenn die Grenzen nicht schon verschwommen sind, bevor es benutzt wird. Man müsste sonst denken, dass jedes Kriegsspiel, wie es Kinder schon lange vor dem Computerspiel kannten, erst Kriege begründen würde. Die Phase der Selbstabschottung betreibt ja selbst schon eine irre Grenzverwischung, in der sich dann jemand „hochjubelt“ auf eine beispiellose Hasstirade, die nichts mehr stehen lassen kann.  Im Computerspiel wird das „Abknallen und Vernichten anderer“ nur geübt und deren Realisierung vorbereitet. Von daher ist das Computerspiel so real wie ein Pilotentraining und ist gerade keine Grenzverwischung.

E.K.: Wogegen richtet sich denn diese Hasstirade, die den betroffenen Schüler treibt?

W.Pf.: Andere „sollen es büßen“, die in dieser Schule weitermachen können.
Andererseits gibt es auch einen depressiven Hass, eine Art Selbstbezichtigung, Selbstzerstörung, wenn jemand überhaupt keinen äußeren Grund für seine Lage erkennen kann.

E.K.: Welche Rolle spielt die soziale Ausgrenzung des Amokläufers z.B. durch seine Mitschüler? Du sagtest, dass er sich auch selbst abschotten würde.

W.Pf.: Natürlich sind es erst mal die sozialen Beziehungen, in denen – wie gesagt – ein Mensch ausgegrenzt und so unterworfen wird, dass er sich vernichtet erlebt – z.B. durch Mobbing oder Rauswurf aus der Schule. Das Fatale ist, dass er dann, wenn er eine unmittelbare soziale Ohnmacht erfährt, zugleich seine absolute gesellschaftliche Perspektivlosigkeit realisiert, dass er also auch existenziell sich vernichtet erlebt. Er zieht sich nicht „selbst“ zurück, sondern er erlebt sich von allem ausgegrenzt und vollzieht seine Reaktion in seiner Isolation.

E.K.: Was spielt sich beim Amoklauf in dem Menschen ab?

W.Pf.: Der Amoklauf geht so, wie er vorbereitet wurde. Er wird sprichwörtlich inszeniert, wie bereits geübt. Aber nicht das Computerspiel löst das aus und bereitet das vor, sondern die ganze Phase einer Abschottung, die von keiner Seite mehr überwunden wird und damit sozusagen im Leerlauf eines in dieser Isolation entstandenen Vernichtungswahns die Möglichkeit nach einer besonderen Art des Überlebens sucht: Der Selbsttötung in Einheit mit der Tötung vieler Menschen, die kein „Recht auf Leben“ mehr haben sollen.

E.K.: Das „Überleben durch Vernichtung“ klingt doch erstmal völlig paradox.  Wie geht das, dass er aus der Tötung anderer über sein Nichts hinwegkommt?

W.Pf.: Da muss man die Lage eines Menschen hinzunehmen, der sich selbst als getötet erlebt. Er ist kein philosophisches Nichts, sondern er ist für sich tot. Er ist tot, ohne tot zu sein. Sein Leben ist für ihn total unmöglich geworden und in dieser Totalität kann es nur noch daraus bestehen, dass er sich durch Töten verwirklicht, dass er töten lernt. Das ist furchtbar. Aber es ist der Mechanismus einer Art des Überlebens.
Das ist ein in der Psychologie schon seit den 20ger Jahren des 20. Jahrhunderts diskutiertes Phänomen, das Sigmund Freud zu der irrigen Annahme gebracht hatte, dass es einen Todestrieb geben müsse. Da hatte ihm Wilhelm Reich widersprochen und nannte es die „emotionale Pest“, die eine Vernichtungssehnsucht aus einer absolut gewordenen Lebensverachtung heraus betreibt. 

E.K.: Kannst du diesen Mechanismus genauer erläutern? Warum braucht er das Töten anderer für sein eigenes totes Leben?

W.Pf.: Weil er in Wirklichkeit eben doch noch lebt, weil er sich seinem Leben gegenüber selbst entfremdet hat, sich in einer totalen Selbstentfremdung befindet. Töten ist dann die Umkehr dieser Selbstentfremdung; er gewinnt daraus wieder eine Identität, eine fürchterliche Identität und dies treibt ihn dazu, seine bisher erlebte Welt sich durch Vernichtung anzupassen. Das Vernichtungsstreben ist die Verwirklichung seiner Nichtung, wie er sie erfahren hat. Es ist für das phänomenologische Denken schwer zu verstehen, warum und wie ein zunächst unwirkliches Streben überhaupt entstehen  kann und schließlich zu einer Verwirklichung drängt. Aber das macht viele psychische Probleme aus. Eine Depression, die als vollständig isoliertes Gefühl erfahren wird, ist die Erfahrung einer unwirklichen Vernichtungsmacht, die alles Fühlen auf sich selbst zurückwirft und tötet. Es ist als wäre man in einen Brunnen gefallen: man kann sich durch Schwimmen über Wasser halten, aber man kann sich nirgends festhalten. Man kommt nicht heraus.

Diese Vernichtungsmacht entsteht, wo vernichtende Kräfte wirken, ohne erkannt zu werden, dass sie also nur objektiv wahr gehabt werden, der Wahrnehmung entzogen sind, aber auf sie Wirkung haben, sie beengen, einengen, in ein Tunnel verbannen. Das ist sehr komplex. Aber man kann sich vielleicht mit der Vorstellung behelfen, dass ein Ertrinkender, wenn er denn im Brunnen einen Lebenden antrifft, ohne Weiteres dessen Tod betreibt, wenn er ihn zu seinem Überleben nutzen kann. Wo es lebensgefährlich ist, in die „Schande als Looser“ geraten zu sein, könnte es demnach zumindest rein geistig ein Überleben geben, wenn der hierdurch Vernichtete bei einem Selbstmord als der große Rächer dasteht

E.K.: Kannst du für den Laien nochmal erläutern, was es mit Freuds Todestrieb auf sich hat?

W.Pf.: Ich zitiere dazu einfach mal aus der Wikipedia: „Der Todestrieb strebt nach Zurückführung des Lebens in den anorganischen Zustand des Unbelebten, der Starre und des Todes. Der Wunsch nach Vernichtung des Lebendigen kann sowohl auf das Subjekt selbst als auch auf andere Personen gerichtet sein. … Richtet sich der Todestrieb auf andere Menschen, äußert er sich in einem Destruktionstrieb, dem Wunsch zur Zerstörung und Verletzung Anderer.“

Freud denkt das, was er beschreibt, als Naturkonstante im Menschen und entzieht es so dem sozialen Verhältnis dem es entspringt. Indem er einen Todestrieb als Katgorie einführte, ist er dem Problem eines sozialen Nichtungsverhältnisses ausgewichen. Sein wesentliches Anliegen dabei war, das sogenannte Lustprinzip zu verteidigen, mit dem ihm bis dahin die Psyche erklärbar schien. Deshalb nannte er die Schrift, mit der er seinen Todestrieb einführte, „Jenseits des Lustprinzips“. Mit dem Lustprinzip lässt sich auch bei Hinzunahme aller Perversionstheorien und Verdrängungsmechanismen ein Tötungswahn nicht erklären. Und den gab es in den 20er Jahren in aller Öffentlichkeit. Letztlich hat der deutsche Faschismus solche Tendenzen angezogen und bestärkt.

E.K.: Steckt dieser Tötungswahn auch im Faschismus selbst? Gerade der Holocaust war ja Menschenvernichtung pur.

W.Pf.: Ja, mit dem Vernichtungsprinzip aus der Erfahrung einer sozialen Nichtung heraus hat das sicher zu tun. Das ist aber ein sehr komplexes Thema, bei dem erst mal zu diskutieren wäre, wie der Staat zu einem Kulturstaat werden kann, also zu einem Staat, der die „heile Welt“ des Bürgers zu einem Gesinnungssstaat bringt, der in der Lage ist, jeden einzelnen Menschen daran zu bemessen, wie er einem „gesunden Volkskörper“ und einer völkischen Gemeinschaftsseele dienstbar ist, wie er also staatlich zu Diensten steht und möglichst wenig für sich selbst sein will. Dazu müsste man viel weiter ausholen.

E.K.: Du hast gesagt, der Amoklauf sei eine „Selbsttötung, in Einheit mit der Tötung vieler Menschen“. Wieso gehört zu dieser „Überlebensstrategie“ des Tötens anderer notwendig die Selbsttötung? Tim Kretzschmer (Winnenden) hat sich zum Beispiel nicht nach dem Amok getötet.

W.Pf.: Ich halte die Selbsttötung für eine ausgemachte Angelegenheit. Es macht keinen Sinn, nach einem solchen Amoklauf noch zu überleben. Und weil alles geplant ist, muss auch die Selbsttötung geplant sein. Es ist ein Selbstmordattentat, bei dem die Selbsttötung die sich selbst verstehende Bedingung ist. Wann sie stattfindet ist eine Frage der Ereignissen, mit denen der Amoklauf abgeschlossen wird. Ob der Amokläufer sich selbst töten muss oder ob es die Polizei tut, ist ihm egal. Selbsttötung ist hier emphatisch gemeint: Es wird etwas betrieben, was nur mit dem eigenen Tod enden kann.

E.K.: Einerseits sagst du, es stecke in dem Amokläufer ein tiefer Hass gegen alles, was seine Misere unüberwindbar macht, und dieser Hass lebe sich im Amoklauf aus. Andererseits soll der Amoklauf eine Art Überleben darstellen. Wie passt das zusammen?

W.Pf.: Der Hass und das Überlebenwollen sind ein und dasselbe. Der erste Schritt in die Isolation ist ein bodenloser Hass auf die totale soziale Ächtung die er erfahren hat, an dem er „verbrennt“. Die Personen, auf die er dann den Hass richtet, sind Figurationen des Ausgeschlossenseins, denen er als Menschen kein Weiterleben gönnen kann, weil sie vom Standpunkt seines Selbstgefühls her „von seiner Asche“ leben.

E.K.:  Du hast vorhin den Faschismus erwähnt. Auch heute kann man wohl zunehmende Vernichtungserfahrungen feststellen – Amokläufe gibt es so richtig regelmäßig erst seit 1996. Gibt es eine Parallele von heute zu den 20er und 30er Jahren, in denen ja auch Freud seinen Todestrieb formuliert hat?

W.Pf.: Ja das ist richtig, dass da etwas parallel läuft. Ich denke, dass die wirtschaftliche Lage ähnlich ist. Auch in den 20er Jahren waren die Finanzmärkte aufgebläht, völlig entleert von realen Werten. Und so herrschte analog hierzu auch damals in der sogenannten Ufa-Zeit, in der Ober- und Mittelschicht eine verselbständigte Kulturelite als „Highlife“ einer bodenlosen Finanz- und Genusswelt im strikten Gegensatz zu den Alltagsrealitäten der Arbeitswelt und Randgruppen. Dieser Phase folgt eine Realität, in welcher die aufgeblasenen Werte zerplatzen. Und die reale Wertvernichtung stellt sich vor allem als Zerstörung von Arbeitswelten und sozialen Kulturen dar, die besonders auch der Jugend Angst um ihre Lebensperspektive bereitet. In solchen Zeiten entsteht eine ausgeprägtere Sortierung der sozialen Gegensätze und Klassenlagen. Und so stellt sich auch an den Gymnasien und Universitäten für jeden die Frage, wie man es schaffen kann, entweder zur Elite zu gelangen und seinem zukünftigen Leben entgegenzuleuchten, oder aber in Perspektivlosigkeit zu verfallen, den Absturz ins Bodenlose befürchten zu müssen. Bemerkenswert ist, dass dies alles sich in der Mittelschicht abspielt und abgespielt hat, weil darin vor allem diese „Gretchenfrage“ – schaffe ich es oder nicht? – virulent ist.

Wolfram Pfreundschuh studierte Psychologie und Philosophie und war langjährig in der antipsychiatrischen Bewegung aktiv. In den 70er und 80er Jahren war er als Verleger für Publikationen zur Diskussion kritischer Kulturtheorien (Hegel, Marx, Freud und Adorno) tätig.

Er arbeitet heute als Redakteur für Kulturkritik bei „Radio Lora München“ und bezeichnet sich als „Anstifter“ der Gruppe „Kulturkritik München“. Der Schwerpunkt seiner theoretischen Arbeiten ist eine Kulturkritik als Kritik der politischen Ästhetik, eine kritischen Theorie bürgerlicher Subjektivität, wozu er zahlreiche Texte veröffentlicht hat. Gegenwärtig arbeitet er an einer systematischen Kritik der politischen Kultur, die Ende des Jahres in Buchform erscheinen soll.

keine psychiatrischen Sondergesetze

Werner-Fuß-Zentrum Berlin informiert:
Bei seiner 14. Sitzung hat der UN-Fachausschuss für die Behindertenrechtskonvention (BRK) in diesem Monat Richtlinen zur Interpreation und dem Umgang mit dem Artikel 14 Freiheit und Sicherheit der Person verabschiedet und hier veröffentlicht: http://www.ohchr.org/…/14thsession/GuidelinesOnArticle14.doc
Eindrucksvoll und eindeutig werden alle bisherigen Versuche der Bundes- und Länderregierungen der BRD Lügen gestraft, mit denen – auch von den anderen politischen Akteuren – das durch die BRK geschaffene Recht gebeugt werden soll (siehe ein Beispiel der Lügenmärchen hier). Unterstützung der NEIN-IDEE.de ! nach GG20 Abs. 4
UN-BRK-Fachausschuss bestätigt unsere Rechtsauffassung, die wir bereits am 29. März 2007 in einer Presserklärung veröffentlicht hatten, Zitat:

Die Convention untersagt damit explizit die Möglichkeiten, die das Grundgesetz zur Aufhebung der Grundrechte durch ein Gesetz offen gelassen hat, wenn diese gesetzlichen Sonderregelungen eine „Behinderung“ zum Kriterium haben. Genau das ist aber der Fall bei den psychiatrischen Sondergesetzen: sowohl die PsychKG´s als auch die forensischen Sondergesetze § 126 StPO und § 63 StGB haben als notwendige Bedingung ein psychiatrisches Gutachten bzw. eine zwangsweise Begutachtung dafür. Sie sind demzufolge abzuschaffen, denn sie widersprechen der Convention.

Darüber hinaus verpflichtet die Convention einen ratifizierenden Staat in Artikel 12 dazu:
Gleiche Anerkennung vor dem Recht . . .

OHCHR.ORG