im Schatten der Selbstlosigkeit – Macht und Gewalt des Glaubens

Wolfram Pfreundschuh (09.04.2010)

Im Schatten der Selbstlosigkeit –
Macht und Gewalt des Glaubens 

Die Öffentlichkeit war erschrocken vor dem, was da aus den Nischen deutscher Institutionen alles herausgequollen ist: Gewaltexzesse, Sadismus, sexueller Missbrauch, Erniedrigungen, Verachtung, Verhöhnung und Unterwerfung in den Anstalten öffentlicher Aufgaben, staatlicher, kirchlicher und pädagogischer Einrichtungen (wie z.B. Bundeswehr, Internate, Schulen, und Klöster). Es passt so schlecht in das gewohnte Bild von dem medial vorgestellten Durchschnittsdeutschen und so mancher gute Demokrat rieb sich die Augen, ob das denn die Möglichkeit sei – heute mitten in Deutschland… Und doch ist es zugleich nur ein Ausschnitt, – so lässt es sich aus der nicht abreißenden Informationskette vermuten. Was geht da vor sich, wo Menschen und vor allem Kinder und Schutzbefohlene den Räumen öffentlicher Maßnahmen ausgeliefert sind und dermaßen behandelt werden? Und wie kann das alles so lange im Verborgenen geblieben sein? Die Empörung ist derzeit groß und die Medien nutzen sie auch gehörig.

Doch ganz so befremdlich kann es eigentlich nicht sein. Weiß man doch, dass in den Institutionen großer Aufgabenstellungen deren Bewältigung schon immer gut abgeschottet ist, dass weder aus den Kasernen, aus den Kriegsschauplätzen, aus den Kirchen und Schulen das offen dargestellt wird, was sich dort so alles tut. Aber auch ansonsten wird selten sichtbar, was in den Kulturräumen dieser Gesellschaft geschieht, höchstens dann, wenn es zu spät ist, wenn Existenzen an persönlicher Willkür oder Sucht zerbrechen, Familiendramen zu Mord und Totschlag geführt hatten, Kinder verwahrlost oder verhungert sind. Offene und versteckte Gewalt sind so selten nicht. Aber selten wird über ihre Gründe berichtet und nachgedacht.

Es sind die eigenen Gewaltverhältnisse einer hohen Autorität, die hier versteckt werden, also Verhältnissse, wie sie eben überhaupt auch nur als erzieherische Beziehungen in solchen autoritären Strukturen gedeihen können. Hier sind Autoritäten durch institutionelle Macht geschützt und können ihrer Willkür freien Lauf lassen, solange es der Aufgabe dieser Struktur noch irgendwie entspricht oder das, was über die Rechtsnorm hinausgeht, wenigstens nicht rauskommt. Hier tobt sich aus, was sich vielleicht auch aus dem sonstigen Leben heraus in einzelnen Persönlichkeiten aufgestaut haben mag. Aber hier wird es zur Hackordnung zwischenmenschlicher Beziehungen in abgeschotteten Lebensräumen von Abhängigen. Es handelt sich hier also nicht nur um eine in persönlicher Willkür genutzte institutionelle Macht. Es ist die hier ausgeübte Gewalt vor allem Ausdruck der Bestimmung dieser Räume selbst, die sich in den Personen geltend machen.

Es sind Bestimmungen, welcher die Menschen ausgeliefert sind und wodurch sie auch bewertet werden, ihr wirkliches Leben also mehr oder weniger ausgerichtet wird. Die hohen Zwecke bewegen sich in abgrundtiefen Niederungen. Aber das kommt nicht von ungefähr. Wo Menschen sein müssen, was sie nicht sein können, ist ihre Selbstbestimmung schon vor ihrem Verhalten aufgelöst. Stattdessen herrscht die permanente Erfahrung von Selbstentwertung vor, die irgendwann sich auch zu Selbstverlust führt und Selbstvernichtung betreibt. Wo große Mächte am Wirken sind, da gibt es eben gewaltige Ohnmacht, pure Gewalt. Jan Phillip Reemtsma hat das mal in einer Studie über Soldaten im Krieg drastisch beschrieben: Wenn du ständig vom Tod durch andere bedroht bist, dann sieh zu, dass du schießt, bevor andere das tun. Die Soldaten verlieren unter dieser Bestimmung alles, was sie aus ihrem bisherigen Leben heraus waren. Manche werden irgendwann Tötungswahnsinnig und entwickeln eine Vernichtungswut, eine Wut, die allerdings neuerdings auch in den Medien dokumentiert worden ist – auch bei unseren braven deutschen Soldaten, die doch eigentlich nur helfen sollen. So ähnlich geht es auch in den Institutionen zu, wenn Menschen permanent entwertet werden. Da heißt es dann, setze möglichst vorzeitig die anderen herab, bevor du herabgesetzt wirst. Und die beste Methode, dies zu betreiben ist die Ausübung hoher Aufgaben durch totale persönliche Identifikation mit ihnen. Nirgendwo kann dies besser geschehen, als dort, wo diese Aufgabenbewältigung sich der Sache nach nicht mehr wirklich öffentlich vermitteln kann oder wenn ihre Intimität selbst zur Aufgabenstellung gehört.

So haben sich in vielen Jahrhunderten schon besonders die kirchlichen Einrichtungen als Hort einer kulturellen Intimität entwickelt, in denen die innere Bindung der Menschen an die herrschende Kultur gewährleistet sein soll. Sie hatten sich besonders um die sozialen Nöte und Verwahrlosungen gekümmert, sich selbstlos denen gewidmet, die ohne ihre Hilfe verloren wären. Diese sozialen Leistungen waren sicher enorm, wurden aber auch zum Ende des 19. Jahrhundert zu einem Kulturproblem des bürgerlichen Staates, so dass Bismarck immerhin einen Teil der kirchliche Aufgaben, besonders die Versorgung der Armen und die Ausbildung der Jugend, dem Staat als eigene Aufgabe übertrug. Dennoch sind die kulturellen Aufgaben der Kirchen noch groß und bieten ihnen auch weiterhin hierzulande eine mächtige soziale Identität und Bestärkung und einen beträchtlichen Anteil an Sozialgelder. Es ist aber vor allem die soziale Stärke ihrer Glaubensmächtigkeit, die sie dadurch erwerben. So kann dort, wo das Leben besonders ungewiss ist, wo die Lebensverhältnisse gefährdet und die Selbsterhaltung bedroht ist, sich der Christenglaube schon immer öffentlich verfestigen. Er ist weiterhin ein tragendes Element der deutschen Politik und wird von dieser auch gerne genutzt – missbraucht könnte man sagen.

Die Politik des Glaubens und der Glaube an die Politik

Seit 1970 war die Zahl der Christen in Deutschland zwar rückläufig, hat sich aber im 1. Jahrzehnt dieses Jahrhunderts wieder leicht erhöht. Es gibt heute hierzulande 25 Millionen Katholiken, 24 Millionen evangelisch Gläubige und 3,5 Millionen Muslime. Die Konfessionslosen belaufen sich auf 28 Millionen Menschen. Die Folgen der Wirtschaftskrise wird den Kirchen noch einigen Zulauf erbringen, wenn sie es verstehen, das um sich greifende wirtschaftliche und soziale Elend seelsorgerisch aufzugreifen und den an ihrer Welt zweifelnden Menschen höhere Zielsetzungen zu vermitteln.

Die Politik hatte immer schon mit den Institutionen des Glaubens – oder besser: der Gläubigkeit – kalkuliert. Die praktizierenden Katholiken im Regierungskabinett, z.B. die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und der Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) bezeichneten den Glauben als einen inneren Kompass, mit dessen Hilfe soziale Beziehungen ausgerichtet werden könnten. Wo Politik keinen Bezug mehr zur Wirklichkeit hat, da bietet ein solcher Kompass immerhin eine geistige Ausrichtung in den Menschen, die sich dem entsprechend auch von ihrem wirklichen Leben abziehen lassen. Je schwerer die Zeiten, desto wirkungsvoller ist der Glaube auch in seiner politischen Funktion. Religion bietet eben das vergeistigte allgemein Menschliche, das zumindest jenseits der Wirklichkeiten des Alltags einen Menschen vorstellt, der auch in unmenschlichen Verhältnissen zu leben versteht. Sie verleiht dem isolierten Menschen eine quasi überirdische Kraft, einen Gott, der sich in ihm gestaltet, eine allgemeine Liebe, die sich als eine quasi übermenschliche Eigenliebe verhalten kann, wenn sie zugleich entsprechend selbstlos auftritt.

Besonders gut lassen sich daher durch Religion Werte begründen und vermitteln, die sich als Gebote, als Ethik des Übermenschen, als übernatürliche Ethik über den Lebensalltag erheben. In ihr wird eine Art Logik des Lebens formatiert, welcher sich der Gläubige nicht ohne große Schuld an seinem Leben entziehen kann, der er als vereinzeltes Individuum zu gehorchen hat, um allgemeiner Mensch zu sein. Damit wird das Lebensgebot einer abstrakten Menschenliebe vorlegt, die übermenschliche Vorsorge einer Liebe, die – auch wenn sie niemandem wirklich zuteil wird – doch Hoffnung auf einen höheren Sinn des Lebens spendiert, gerade wenn es konkret sinnlos erscheint.

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zuständ ist“. (MEW 1, S. 378)

schrieb Karl Marx 1843. Sei das „Opium des Volkes“, mit welchem das irdische Desaster ertragbar wird, das „Jammertal, dessen Heiligenschein die Religion“ (ebd) ist. Ich zitiere weiter:

„Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur, ihr Ehrenpunkt, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. … Die Religion ist … die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt. “ (MEW 1, S. 378)

Solche Religion unterstellt eine Bedrängnis der menschlichen Beziehungen(1), die sie aufhebt, die sie zu einer reinen Selbstbeziehung wendet, zu einer Beziehung in einer Liebe in Gott, an die man einfach nur glauben muss, – an das Himmelreich eben, über die sie aufgehn soll. Jede wirkliche Beziehung ist hierdurch ein Moment der Ewigkeit, eine Beziehung in einem Paradies der Liebe, das nicht von dieser Welt, das aber in Zukunft versprochen ist. Sie stellt damit eine jenseitige Selbstbeziehung vor, eine Selbstbezogenheit, die ihr Wesen aus Gott schöpft, so dass die Menschen hierin völlig selbstlos sein können. Das macht sie zu einem unerschöpflichen Reservoir einer egozentrischer Selbstbegründung, die sich permanent verleugnen kann, um in dieser Welt der konkurrierenden Selbstigkeiten als höhere Form der sozialer Bezogenheit anerkannt zu sein. Im Altruismus ihrer öffentlichen Funktion bewahrt sie vor allem den abstrakten Egoisten, indem dieser als Gott sich in den Institutionen der Kirche wie eine individuelle Persönlicheit privatim bestärkt und bestätigt. Gib dich als Liebe aus und du wirst bestärkt sein, weit stärker sein als ohne Glaube, stärker als eben jeder Ungläubige. Sei das Kind deiner Selbstliebe, um deine Liebe über alles zu stellen, was dich liebt.

Und auf diese Weise wird die Gotteskindschaft zu einer ungemein starken Selbstbehauptung, die Kindschaft zum Instrument der herrschenden Verhältnisse, der allgemein vereinzelten gesellschaftlichen Beziehungen, der Privatbeziehungen vereinzelter Menschen. Herr erbarme dich. Gelobt sei der Herr! „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr das Himmelreich nie erlangen“.

Erwachsene dürfen sich in ihrer Beziehung zu Gott wieder wie Kinder fühlen und verstehen, ihrer Verantwortung in der wirklichen Welt durch aparte Selbstgefühle in Demut und Gnade durch Gott enthoben sein. Das macht die „Schafsnatur des Christen“ (Marx), der seinem Hirten frohen Herzens huldigt und ihm sein Fell überlässt – vielleicht in der Hoffnung, dass der ihn dann nicht zur Schlachtbank führt. In der Kirche wird dies allsonntäglich auch entsprechend gepflegt, ganz besonders zauberhaft, weil schmuckreich verzaubert, in der katholischen Liturgie. In der „Heiligen Messe“, wie der katholische Gottesdienst als Sakrament der „Heiligen Kirche“ genannt wird, dürfen es alle Gläubigen in gleicher Weise und aus gleichem Sinn bekennen und gerade in diese Vergegenwärtigung eines gleichgeschalteten Gemüts in einen ansonsten unerreichbaren Gemeinsinn einstimmen.

Die Selbstlosigkeit des religiösen Menschen

Dein Glaube wird Dich retten – auch wenn Du nicht weißt wovor.
Altruismus ist die gesteigerte, durch Verkehrung unkenntlich gemachte Form eines Egoismus, der im Austausch mit der Liebe der Abhängigen, der Zugehörigen und Hörigen, genährt wird. Von daher ist Selbstlosigkeit das Markenzeichen einer unbeschränkten Selbstsüchtigkeit. Die wirklichen Verhältnisse der kapitalistischen Gesellschaft verlangen einen gnadenlosen Egoismus von den Menschen, wenn sie nicht untergehen wollen im Kampf um Einkommen und Arbeitsplatz. Wenn sie dies nicht als ihre Fessel und Knechtschaft erkennen, dann bietet der Altruismus der Nächstenliebe einen bequemen Ausweg im Selbstgefühl, in welchem das Verlangen nach Überlebensmacht, also Lebensherrschaft, als besonders unterwürfige Beziehungsform zelebriert wird. Man wird zum Subjekt einer allgemeinen Menschenliebe, die von Gott gegeben und daher auch gottergeben sein will. Dafür eben sei Gott Mensch geworden, wie es im Evangelium verkündet wird. Und er wendet sich deshalb auch besonders den Armen, Kranken und Schwachen zu, weil sich nur an ihnen Selbstlosigkeit wirklich beweisen lässt. Ihnen sind die Seligpreisungen des Neuen Testaments gewidmet: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihrer ist das Himmelreich.“ „ Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.“ „ Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ (Matt. 5:3-12). Jedem Reichen seine Bergpredigt und er fühlt sich befreit von der Ödnis der Gleichgültigkeit seines Besitzstandes, fühlt sich wie ein Armer, ist seelisch bereichert durch das Selbstgefühl der Armut, wie es ihm durch seine Nächstenliebe möglich wird.

Und gerade darin trifft sich Bereicherungssucht mit wirklicher Armut, denn Arme sind zur Bedürfnislosigkeit gezwungen, in ihrer Selbstbeziehung ohnmächtig. Total wird ihre Ohnmacht, wenn sie auf Erbarmen der Mächtigen verwiesen werden. Damit ist im Kern ihre Existenz vollständig negiert und ihre Abhängigkeit absolut. Diese Barmherzigkeit ist ihre Verhöhnung, ihre vollständige Entmenschlichung. Aber sie macht den Barmherzigen zum Träger übermenschlicher Liebe, Fürsorge und Geduld, indem er die Armen der Barmherzigkeit Gottes unterwirft. In der Unerträglichkeit ihres permanenten Selbstverlustes lässt sich in der Armut die gebenedeite Unterworfenheit aber auch als Selbstveredelung erfahren. Sie kann betören und besoffen machen. Arme beten gerne, wenn sie keinen Ausweg für sich mehr erkennen können. Und so treffen sich in der Religion alle Kinder Gottes, was auch immer ihr wirkliches Leben ausmacht. Alle Beziehungen, die in solch abgehobener Liebe verlaufen, sind doppelbödig, weil sie ihr wirkliches Sein mit dem vertauschen, was als wirkliche Liebe, als Gabe der Nächstenliebe erscheint. Das Haus Gottes wird zu einer wirklich totalen Existenzmacht, irdische Autorität zu göttlicher, weil sie gibt, ohne zu zeigen, was sie nimmt. In diesem Liebeskarussel entsteht Macht durch Unterwerfung, wird der Mensch über Menschen mächtig, der als ihr untergebenster Diener auftritt. Das ist das Prinzip katholischer Seelsorge und es verschafft sich auch die entsprechenden Lebensräume in den Institutionen ihrer Kirche.

Die älteren Katholiken kennen es wahrscheinlich aus ihrer Ministranten oder Pfadfinderzeit, das Gemunkel über das seltsame Benehmen des Herrn Kaplans oder die erstaunlichen Berichte über den Küster oder die abstrusen Fürsorglichkeiten der Gemeindeschwester. Nix Genaues wusste man. Aber Verdächtigungen und Zuweisungen in dieser Hinsicht waren ganz gewöhnlich. In Hunderten von Büchern und Berichten steht auch seit langem viel darüber, was nun schließlich doch auch in den öffentlichen Medien publik geworden ist. In vielen Gerichtsprozessen war es aber längst thematisiert. Bei dem sadistischen Triebtäter und Kindermörder Jürgen Bartsch waren die fürchterlichen Erfahrungen der mörderischen Züchtigungsmethoden der erziehenden Nonnen in einem katholischen Waisenhaus als auslösendes Trauma seines sadistischen Tötungstriebs schon in den 60ger Jahren erkannt und anerkannt worden.

Unzählige Berichte von Insassen der psychiatrischen Anstalten erzählen davon, wenn sie über die Herkunft ihres Leidens nachdenken, wenn sie wissen wollen, warum sie nicht zu einem eigenen Leben finden konnten. Überall kam da was vor, was mit dem Nießbrauch einer erzieherischem Gewalt und offenem Sadismus einherging. Doch die Strafimpulse der sadistischen Perversion waren nicht durch die persönliche Dominanz vertreten worden, sondern durch Gottes Wille, durch eine höhere Notwendigkeit der Züchtigung zur „Reinheit des Herzens“. Es war die Gewalt einer Schuldproduktion, die als aufgezwungene Dankbarkeit für eine Kindschaft unter der unendlichen Übermacht eines liebenden Gottes wirksam werden sollte. Die katholischen Erzieher und Erzieherinnen sollten ihre Zöglinge bei geringen Vergehen hart bestrafen, um die Verschuldung gegen die Allmacht der Güte Gottes zu bestätigen. Persönlicher und religiöser Sadismus waren da immer beisammen und die grausamsten Machtausübungen als Strafe in Gottes Liebe ausgeben. Prügelstrafe war in vielen katholischen Waisenhäuser und „Fürsorgeheime“ Alltag. In diesen Heimen kam es auch vor, dass Kinder, die ein schlechtes Essen erbrachen, ihr Erbrochenes noch mal essen mussten, um zu erfahren, was die Missachtung gnädiger Gaben zur Folge hat, zu welcher Gewaltanwendung und Erniedrigung sie führt.

„Selig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ (Matt. 5:8)

Katholische Selbstermächtigung ist der Allmacht Gottes zu verdanken und daher in sich selbst unendlich. Gottes Allmacht ist die Macht der Willkür und sein Wort geschehe „wie im Himmel also auch auf Erden“. Wer dem Wort Gottes gehorcht, kann sich seiner Gnade versichert fühlen und braucht die wirkliche Welt nicht mehr zu fürchten. Und wer sich in der Barmherzigkeit Gottes versteht, der ist frei von den Beschränkungen seiner Natur. Doch diese Gehorsamkeit verlangt umgekehrt auch, dass er sich von seiner Natur freimachen kann, sich ihrem Verlangen zu widersetzen versteht, wo sie sich regt. Die Versuchung führt ab vom Gottes Reich und stellt den Antagonisten zum Reich Gottes, den Satan dar. Der ist die Finsternis des Todes und hatte schließlich Gottes Sohn versucht, um ihn zu zerstören. Aber er blieb stark gegen ihn. So soll es ihm jeder Christenmensch gleich tun.

Das höchste Prinzip der katholischen Kirche ist die Reinheit des Herzens, die Bereinigung des Selbstgefühls von allen Begierden des Lebens. Die Verkommenheit der Welt lässt sich hierdurch erklären und wer die Welt läutern will, der muss dies zuerst mal mit sich tun. Das katholische Clearing ist in dieser Hinsicht dem der Scientology Church in seiner Funktion ähnlich. Aber es ist in seiner geistigen Wirkung auf die Identität von Menschen auch ohne technischen Humbug sehr viel sinnlicher und greift ins Körpergefühl unmittelbar ein. Es entzieht ihm nicht nur seine Empfindungen, sondern bestraft es selbst in körperlicher Konsequenz, wo es gefehlt hat. Sühne durch Schmerz und Herabwürdigungen des Lebens durch ewige Anbetung des Glaubens gehören zu den Grundlagen des katholischen Büßerdaseins. Es macht seine Intimität aus, die permanente Überprüfung der Regeltreue nach dem Katechismus im Beichtstuhl vor den Stufen des Altars. Das „Mea Culpa“ ist die Bedingung der Befreiung von den Sünden und damit der Freiheit in der Gemeinschaft Gottes und der göttlichen Heerscharen, die Bedingung, in Gottes Heer ein Krieger des Guten zu werden. Zum „Altare Gottes will er treten, zu Gott, der ihn erfreut von Jugend auf“ – so lautet ein katholisches Stufengebet.

Jesus Christus sei Gottes Sohn auf Erden und konnte nach katholischem Glauben daher auch nicht menschlich gezeugt worden sein. Die „unbefleckte Empfängnis“ Mariens gilt auch heute noch als wichtiges Dogma dieser Kirche. Und das steht für das gesamte Körpergefühl, wenn es dem reinen Herzen des katholisch Gläubigen entsprechen soll. Die Natur seines körperlichen Daseins selbst macht den katholischen Menschen sündig und verlangt seine Buße – vielleicht nicht mehr so sehr durch blutige Kniee auf Pilgerfahrten, wohl aber immer noch durch Selbstzucht und Züchtigung, Bindung an das heilige Sakrament der Ehe, Buße und Eucharistie, also Verbot sexueller Beziehungen vor oder jenseits der Ehe und der Verhütung, Abtreibung und sexueller Selbstbestimmung.

Die katholische Sittenlehre verlangt daher die genaue Unterscheidung und Kontrolle der Beziehung der Geschlechter, klare Trennung ihrer Kulturen, daher auch nur männliche Priester und ihr Zölibat. Früher waren auch die Gebetsreihen der Frauen und Männer in der Kirche getrennt. Es war unzüchtig, beim Gebet die Nähe anderer Geschlechtlichkeit zu spüren. Und so soll der katholische Geistliche auch überhaupt nicht hiermit konfrontiert sein. Das stellt ihn auf die reine Geistlichkeit ein und stählt seine Selbstkontrolle. Die Reinheit der Gefühle, ihre Veredlung zu heiligen Gefühlen, muss hart erkämpf werden. Am Ende steht die Nähe zur Mutter Gottes, der ewigen Jungfrau mit der unbefleckten Empfängnis Gottes, der von seinem Körper vollständig enthobene Geist des weiblichen Geschlechts. Der hinterlässt  nicht nur auf italienische Männern großen Eindruck.

Doch der Kampf um körperliche Reinheit ist eine Opfergabe und verlangt auch seine Opfer. Geopfert wird das, was hierbei überwältigt werden muss: Eine natürliche Beziehung zwischen Männern und Frauen. Die Geschlechter müssen überall unterschieden gelten um unterschieden zu sein. Und darüber verläuft auch ihre Trennung. Der Sozialraum der Kirche, der Raum ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen, ist von Haus aus homosozial. Homosozial, das ist die Ausgrenzung des anderen Geschlechts, die soziale Abspaltung der Frauen von den Männern und der Männer von den Frauen. Aber das menschliche Leben ist immer beides: Mann und Frau. Das Leben der Geschlechter und die Art und Weise, wie sie sich aneinander bilden und ausbilden, wie sie sich erfahren und nähern, kurz: wie sie sich als menschliche Beziehungen entfalten, wird daher durch Geschlechtertrennung wesentlich deformiert. Und das Deformierte kann seine Form auch nur durch Rekonstruktion finden.

Die Rückbesinnung auf das eigene Geschlecht wie auch auf das andere verläuft über die Methaphern eigener Ursprünglichkeit, die in der herrschenden Wirklichkeit zwar altertümlich daherkommen muss, aber längst nicht überwunden ist. Sie wird wieder gerade wegen ihrer Antiquität durchaus modern, eben weil sie sich durch die Jahrtausende alte Geschichte der katholischen Kirche unüberwindbar zu geben vermag. Der Event der Alltagskulturen, die herrschende Reizkultur, offenbart in ihrer Flüchtigkeit und ihrem Körperfetischismus eine weitgehende Ignoranz gegen das konkrete Leben der Geschlechter. Ihre Abstraktheit zeigt sich in ihrer Reizüberflutung und Selbstverwertung, ihrer Unfähigkeit, menschliches Leben noch wirklich gestalten zu können, Geschichte zu verlieren um Erleben zu gewinnnen. Hiergegen stellt sich Religion oft geradezu wie eine menschliche Geschichte heraus, weil sie sich als Geschichte des Menschen zu geben versteht. Da gibt es noch eine Art von Weisheit und Überlebensmacht, eine sehr praktische Philosophie des Paradieses, der Erbsünde und der Befreiung durch die Marter am Kreuz. Also kann man restaurative Einflüsse solcher Heilsbotschaften ruhig auch wieder mal gelten lassen, vor allem, wenn sie doch auch recht bunt und bilderfroh und von daher vorstellungsmächtig daherkommen.(2)

Homosoziale Beziehungen haben aber nicht nur religiösen Ursprung. Sie entstehen überall, wo sich Individualität aus äußeren Zwängen heraus totalisieren muss, wo das Vertrauen in die eigene Kraft und Macht Überlebensprinzip ist, wo das Gleiche Macht verstärkt und das Unterschiedene sie schwächt. Wo individuelle Eigenschaften sich verallgemeinern lassen, wird das Einzelne auch für sich allgemeiner und mächtiger. Fast jeder Kult der Macht beruht daher auf einer Verselbständigung des geschlechtlichen Selbsterlebens. Je weniger die soziale Wirklichkeit der persönlichen Beziehungen, vor allem der bürgerlichen Familie, gelingt, desto wirkungsvoller ist das Klischee geschlechtlicher Rollenaufteilung. In den Vorstellungen eines abgehobenen Geschlechtslebens werden die Rollen mächtig, die im konkreten Lebenszusammenhang isolierter Beziehungswelten nur noch mangelhaft – wenn überhaupt – vorkommen.

Die Stärke von homosozialen Lebensräumen besteht in der Kraft der Verschmelzung, der Symbiose mit Seinesgleichen, und diese bezieht sich wiederum auf die wirklichen Lebensstrukturen der Menschen, denen ihr eigenes Leben entzogen wird. Religiöse und ideologische Auffassungen beziehen daher ihre Macht durch die Vereinseitigung der Geschlechterrollen, bereichern sich in ihrer Einseitigkeit durch homosoziale Beziehungen. Männerkulte und Damenkränzchen sind voller Häme und Erniedrigungen. Was in der Abschirmung sich besonders entfaltet ist das, was im sonstigen Leben unverwirklicht ist und was an wirklicher Erniedrigung nicht ertragen wird. In den eingeschlossenen Kreisen des eigenen Geschlechts entwickelt sich vor allem, was den Menschen in ihren wirklichen Geschlechtsbeziehungen unerreichbar wurde. Und was sie sich hier antun, entsteht aus der Not, die sie hier nicht mehr verspüren wollen und können und wodurch sich ihre Selbstverfangenheit durch die Pervertierung ihrer Gefangenschaft gegen andere wendet. Für sich erscheint solche aparte Geschlechtlichkeit somit entspannt, gereinigt von der Last ihrer Wirklichkeit. Aber solche Entspannung kann nur gewalttätig erzwungen werden.

Das zertrennte Geschlecht

Menschlich begriffen ist Geschlecht wesentlich weder körperlich noch geistig, sondern immer beides in einem – eben Gattungswesen, Menschlichkeit in seiner Männlichkeit und Weiblichkeit. Erst durch die Vorkehrung des Einen gegen das Andere entsteht eine soziale Ausgrenzung, die Aufsplitterung einer kulturellen Einheit. Im Männerkult und Frauenkult wird das isolierte Geschlecht zum Subjekt einer Abstraktion, zur Männlichkeit und Weiblichkeit an sich. Erst hieraus entstehen die Einfältigkeiten geschlechtlicher Neigungen als rein körperliche Geschlechterspannung, die sich ihrem geistigen Inhalt entziehen und entziehen lassen. Das aus seinem gesellschaftlichen Zusammenhang abgespaltene Geschlecht tritt gerne eitel auf, aber indem es zu höheren Zwecken aufgezogen wird, entzieht es sich zugleich auch den Menschen, an die es sich wendet. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, die von ihrer Wirklichkeit bereinigt sind, werden selbst zu einer Belastung, weil ihnen eben auch das entzogen ist, was sie am Leben hält. Im Entzug entsteht ein unendliches, weil friedloses Verlangen, Verlangen ohne reale Chance einer Befriedigung. Dieses Verlangen kennt zwar keine irdischen Widrigkeiten und Niedrigkeiten, nicht Neid, Eifersucht, Rache, kurz, keine wirklichen Liebesschmerzen. Aber es hebt zugleich jede eigene Wirklichkeit in einen hohen Grund auf, in die erhabene Welt einer veredelten Selbstbezogenheit, welche den Menschen dieselbe Abstraktion abverlangt, die ihre Bereinigung erwirkt hat und erwirken muss. In Wirklichkeit entwickeltet solches Selbsterleben sich zu einer Herrschsucht, die sich als herrschende Liebe geltend machen muss, um den Menschen zu einem Lebensgebot zu werden. Sie betreibt Gewalt und Erniedrigung, indem sie die Menschen aus einer lieblosen Welt an sich bindet.

Von den hieraus sich produzierenden Pervertierungen ist schon immer viel zu erfahren. Überall, wo hohe Zwecke ausgegrenzte zwischenmenschliche Beziehungen bestimmen, herrschen innere Gewaltbedürfnisse, die sich nicht ohne weiteres begreifen lassen. Besonders aus abgeschotteten Männerwelten wurden derzeit Berichte publiziert, welche die alltägliche Wahrnehmung ziemlich abrupt durchkreuzten. Da quälten Männer der Bundeswehr ihre Kumpanen mit abstoßenden Ritualen und Ekeleien oder machen aus den Schädeln ihrer Opfer Trophäen ihrer Machtverkommenheit; Vergewaltigung und Verhöhnungen sind in der Welt der Todesverachtung ganz gewöhnlich. Und auch untereinander wird angetan, was einem selbst angetan ist. Die besonderen Formen solcher Beziehungen sind hinreichend bekannt. In der aparten Abschottung selbstverlorener Selbstbezogenheiten entstehen eben auch aparte Gelüste, sei es durch die besonders pädagogischen Erotik von Lehrern oder Erziehern, oder die  besonders intime Aufklärung durch den Pfarrer in der katholischen Kirche oder anderes. Dies alles sind Phänomene abgetöteter Geschlechtlichkeit.

Aber mit Sexualität hat das eigentlich nichts mehr zu tun. Natürlich ist auch das Verhältnis von Erwachsenen und Kinder ein geschlechtliches Verhältnis im ursprünglichen Sinn. Niemand wird sich sonderlich daran stören, wenn Eltern ihren Babies den frisch polierten Po küssen oder die kleinen Mädchen den Penis ihres Vaters erkunden wollen, kleine Jungs im Schoß ihrer Mutter kuscheln. Aber in den Institutionen einer sozialen Macht, besonders eben dort, wo die Beziehungen der Menschen homosozial bestimmt sind, wird Geschlecht auch leicht zum Mittel der Macht. Sexualität wird zum Austragungsort einer ungeheuerlichen Verstümmelung. Sexuell verstümmelte Priester und Pädagogen verstümmeln Kinder, indem sie ihnen ihre geistige Macht als Mittel des Nießbrauchs ihrer Geschlechtlichkeit aufzwingen. Es ist dies daher eine geistige Verstümmelung, mit denen die benutzen Kinder weiterleben müssen, sie müssen ertragen, dass sie sich geistig in bestimmter Beziehung abgegeben und verloren haben, sich geistig geknechtet erleben müssen.

Und diese Knechtung ist die Konsequenz einer in der Erwachsenwelt selbst entgeisterten Sexualität, einer geistig ausgegrenzten Körperlichkeit des Geschlechts, Folge pervertierter Homoerotik. Die kann viele Gründe haben. In der katholischen Kirche sind sie jedoch offenkundig: Ihre Grundstruktur greift direkt nicht nur in die Lebenswelt ihrer Geistlichen, der Priester, Mönche und Nonnen, sondern zugleich tief in die intimsten Winkel ihrer Persönlichkeit. Geschlechtliche Selbstverwirklichung soll für sie völlig ausgeschlossen sein. Das scheint auf den ersten Blick eigentlich auch jedem katholischen Laien verrückt und unnötig. Warum sollen die Diener der Liebe Gottes, an seiner Welt und Natur, an der Allmacht seiner Güte nicht selbst teilhaben? Wie sollen diese „Hirten“ ihre Schäfchen im Alltag ihrer Liebesgeschichten verstehen, wenn sie nicht selbst daran teilnehmen dürfen? Aber gerade das ist es.

Die katholische Selbstentsagung verfolgt eine lang erprobte Technik, wie sie auch in anderen geistigen Übungen praktiziert wird und so unmodern gar nicht ist: Geschlechtliches Empfinden wird durch Selbstbeherrschung zu einem geistigen Selbstgefühl, zu einer Selbstveredlung geistiger Regungen. Die abgesonderte Leiblichkeit kehrt zurück als ein überirdisches Wesen in großer Nähe zu Gott. Man kann umgekehrt sagen: Gott wird hierdurch sinnlich, verliert seine theoretische Gestalt und öffnet sich dem leibhaftigen Menschen als sein wirklich geistiges Wesen. Was dann aber wirklich ist, wird von dieser Geistlichkeit beherrscht und in der Wahrnehmung beschränkt. Die Wirklichkeit wird ihrer Wirkung nach in der Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung von den anderen Menschen bereinigt. Sie lernen, sich selbst mit den Augen eines Übermenschen anzuschaun.

Und damit ist ihnen schon im Vorgriff das genommen, das sie fortan nicht haben oder bilden können: Irdische Erkenntnis, Selbsterkenntnis des Menschen im Menschen. Die ausgeschlossene Geschlechtlichkeit ist daher weit mehr als nur eine Sexualverdrängung, wie Psychoanalytiker dies nennen und ist auch keine Sublimation, die zu höheren geistigen Kulturen, Leistungen und Leidenschaften führen sollte. Sie ist vor allem eine Knechtung des menschlichen Geistes und Bewusstseins. Und im Grunde geht es hier nur darum.

Die Selbstbereinigung

Die von ihrer wirklichen Beziehung bereinigte Selbstwahrnehmung vollzieht sich in der gebotenen Reinheit, in der Abstraktion, die selbst Heil und damit Heilung von den Qualen ungestillter Sehnsüchte verspricht. Was nicht wirklich befriedigt werden kann, weil es als unrein gilt, befleckt und Ausgeburt einer Selbstentwertung, das kann in der Vorstellung seiner Reinheit als überirdische Erlösungskraft eines abstrakten Selbstgefühls erfahren werden, als Erscheinung des Ausgeschlossenen in purer Negation. Die geistige Knechtung durch den Zölibat ist einer der Grundmechanismen der geistigen Fixierung an jenseitiges Selbstgefühl. Es ist nicht sexualisierte Jenseitigkeit, wie das gerne behauptet wird, sondern umgekehrt: Aufgelöste Diesseitigkeit des Denkens und Erkennens. Es ist die Grundlage für die Einfältigkeit eines Geistes, der zum Entzug aus dem Diesseits gezwungen wird. Es ist die Betäubung des wirklichen Lebens, Lebensdumpfheit, die in einer Verewigung des Glaubens, in unendlicher Gläubigkeit aufgehen muss und so das stärkste Mittel zum Selbsterhalt einer Kirche geworden ist. Es ist die Verstümmelung des Erkenntnisvermögens um der Verklärung menschlicher Erkenntnisse dienstbar zu sein. Denn daraus besteht letztlich Religion: Es ist verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen.

Weil die katholische Kirche immer noch einer von irdischer “Verführung“ gereinigten Sexualität den Altar bereiten muss, also ihre Funktion als Agent einer unterworfenen Sexualität nicht aufgeben kann oder will, kann sie nicht auf den Zölibat verzichten. Das mutet heute zwar etwas seltsam an und wird von “aufgeklärten Katholiken“ sicher weit von sich gewiesen. Aber gerade durch diesen Mantel der Aufklärung und der gleichzeitigen zolibatären Selbstverleugnung ihrer Geistlichkeiten passt sie wieder als Sexualmoral in eine hoch sexualisierte Reizkultur, die an ihrer eigenen Sinnhaftigkeit zweifeln muss. Es ist die Chance des reaktionären Bewusstseins, in derselben Bigotterie wieder Fuß zu fassen, die den autoritären Charakter bestärkt – längst vergessen, aber gerade mal wieder gefragt.

Die in der Presse ausgiebig zur Schau gestellten Verbrechen an Kindern empören in dieser Offenheit alle, auch die autoritären Charaktere der Pastoralethik. Aber sie sind etwas ganz normal Katholisches, etwas, das sozusagen dazu gehört, das höchstens besser geheim bleiben sollte, wenn es so sexuell aufkommt. Es ist eigentlich das Verbrechen geistiger Verstümmelung, das in dieser Kirche vielfältige Formen hat. Und als diese Normalität innerhalb der Kirche hatten es ja auch die zuständigen Bischöfe und Priester noch bis in die Berichterstattung hinein wahrgenommen. Für sie war es immer noch eine Intimität der Kirche und ihrer Glaubensbrüder und durfte doch nicht einfach der Welt oder einer Staatsanwaltschaft ausgelieferte werden! Nein, es war eben das Treiben sündiger Menschen, ganz gewöhnlicher Gotteskinder, die im Schoß der heiligen Kirche ihren Schutz behalten und ihre Gnade und Barmherzigkeit erfahren sollten. Und da zählt das weltliche Leben der profanen Kinder eben doch nicht so sehr.

Es hatte daher eine ganze Weile gedauert, bis man begriffen hatte, dass das nicht mehr so weitergehen kann. Zumindest kann die öffentliche Verdrängung so nicht mehr funktionieren. Das ist der Punkt und der eigentliche „Skandal“. Die öffentlich gewordene Brutalität katholischer Süchte musste unbedingt von dem gewöhnlichen Gebrauch unterworfener Menschen abgegrenzt werden.

Die katholische Kirche, die sich doch gerade mit ihrem Medienpapst wieder in die Herzen mancher Jugendlicher eingeschmeichelt hatte, wollte mit ihrer Sozialethik soeben ihre neue Rolle starten, nachdem ihre mittelalterlichen Riten an Faszination verloren hatten, nachdem ihr Priesternachwuchs in den reicheren Ländern ausgeblieben war. Sie wollte eine neue, eine moderne Kirche werden und wurde dabei in den Medien auch noch prächtig unterstützt. Bischöfe, Pfarrer und Nonnen durften in Fernsehserien wie z.B. „Um Himmels Willen“ oder „Pater Braun“ eine Profanität und Weltlichkeit ihrer Bedürfnisse und Wünsche zur Schau stellen. Aber eben nur so, dass Geschlechtertrennung, Keuschheit und Gotteskindschaft gewahrt und bestärkt werden. Irgendwie schien die so sinnesstarke katholische Liturgie wieder besser in die Welt zu passen, besser vielleicht, als die nur wortreiche aber ansonsten karge evangelische Kirche. In einer Kultur, wo jeder Eindruck bildhaft geschmückt und verstärkt, das Gemüt an objektiv gemachten Gefühlen orientiert wird, Musik im Ohr und Bild vorm Kopf ständiger Begleiter ist, kann auch der katholische Gott wieder besser verspürt werden. Wahrscheinlich hat er längst schon seinen Platz in iTunes. Katholische Beichte gibt’s auch schon im Internet, wahrscheinlich auch ein Chat mit Gott Vater oder Gottes Sohn.

So gab es von unerwarteter Seite wieder Zulauf. Und es waren über die neuartigen Selbstdarstellungen der Kirche immerhin viele katholische Laien auf die Idee gekommen, dass ihr Glaube weltlicher und weiblicher, dass die Pastorale natürlicher und lebensfroher werden könnte. Sie erhofften sich endlich die Freistellung der Priester vom Zölibat und sogar die Zulassung von Frauen zum Priesteramt, also ein Ende der homosozialen Macht-Strukturen in den katholischen Pfarreien. Doch weit gefehlt. Genau das geht nicht, denn das würde die Fundamente der katholischen Morallehre auflösen, ihre Theologie der unbefleckten Reinheit gänzlich zugrunde richten. Und damit wäre auch ihre soziale Rolle als eine sittliche Komponente in der bürgerlichen Kultur hinfällig, die sich von der anderen großen Religion des Bürgertums, dem evangelischen Glauben, darin auch weiterhin unterscheiden muss. Beide Religionen stellen den abstrakten Übermenschen der wahren Erkenntnis und Liebe aus dem Jenseits vor, um Lebensprinzipien der Anpassung der Menschen an unmenschliche Lebensverhältnisse zu installieren und zu festigen. Aber während die katholischen Pfarrer dies über die Sinnesmacht von Sünde und Buße betreiben, verpflanzen die evangelischen Pfarrer lieber ihr theologisches Herz in den Laien. Das macht weniger Probleme und passt eher in eine Kultur des Wortes, eben zur anderen Seite der Bilderwelt.

Aber beides ist dem Inhalt nach die Produktion verhängnisvoller Vorurteile und Entzug von Lebenswirklichkeit, geistige Auflösung der Widersprüche dieser Welt in die Einfältigkeiten eines höheren Geistes, in abstrakte Geistlichkeit, in die ewigen Gebote der Anpassung an Gott gegebene Verhältnisse, die hierdurch zu Gott ergebenen Verhältnisse werden. Religion ist der Missbrauch des menschlichen Geistes überhaupt, die Ermächtigung einer übermenschlichen Sittlichkeit gegen die Lebensmöglichkeiten der Menschen, die zum Prinzip erhobene Selbstverneinung menschlicher Lebenswirklichkeit. Und genau das ist das Grundprinzip des reaktionären Bewusstseins überhaupt. Es beruht auf dem selbstlos gemachten Menschen, auf dem Selbstgefühl einer Lebensverweigerung, auf der Verneinung einer inneren Freiheit, die alleine sich äußerer Beschränktheit entgegen zu stellen vermöchte. Ein solches Bewusstsein betreibt Selbstkontrolle zum Zweck einer Selbstveredelung, zur Überhebung einer formellen Artigkeit gegen die Widersprüche und Konflikte in dieser Welt. Und dies ist durch die Art des Übermenschen bestimmt, durch welchen vor allem das Abartige gekürt und das vereinzelte Individuum im Allgemeinen bewertet wird. Artigkeit mag von der katholischen Kirche oder von der Scientology Church definiert sein. Es ist im Grunde das gleiche sektiererische Konzept. Man einigt sich auf ein Subjekt der Selbstkontrolle, um sich als dieses auch wirksam zu machen und entfalten zu können. Die Einigkeit der Reaktion besteht darin, dass nur der artige Mensch einer wirklich erhabenen, einer edlen menschlichen Art entsprechen kann.

Reaktionäres Bewusstseins entsteht im Sumpf der Widrigkeiten der vom Geld besessenen Menschen. Es will die Menschen in einem Geist fixieren, der seine Enteignung selbst betreibt und Maßstab für jeden Selbstwert wird. In dieser Selbstlosigkeit gedeiht immer wieder ein autoritärer Charakter, der das Glück seiner Willkür erfahren darf, wenn er die geeigneten Lebensräume und Institutionen für sich zu erobern versteht. Es ist ihm gleichgültig, ob er das in einer streng patriarchalischen Familie oder in den Gemäuern staatlicher oder kirchlicher Erziehungseinrichtungen findet. Dieser Charakter ist die Maske eines Krisenstaates, der sich nur durch Gewalt erhalten kann und sich auch nur von ihm entsprechenden Persönlichkeiten absichern lässt, sei es in Kirche, Schule oder Bundeswehr.

Wieweit sich solche Persönlichkeiten wieder stark machen können hängt aber letztlich von den Menschen ab, die hiervon Kenntnis haben und sich immerhin noch deutlich hiergegen wehren. Aber in den Nischen keimen sie wieder, diese unglücklichen Gestalten, die nicht in der Lage sind, aus ihrem unglücklichen Bewusstsein ein Bewusstsein ihres Unglücks werden zu lassen.

Die Kritik der Religion ist daher wesentlich eine Kritik der Reaktion. In ihr sind alle Elemente des Anpassungsbedürfnisses enthalten, das Bedürfnis, die Menschen der Entfremdungsmacht ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse zu unterwerfen. Von da her schreibt Marx:

„Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (Marx-Engels-Werke Bd.1, S. 385)

In der Aufklärung über die religiös gekleidete Menschenverachtung geht es nicht um eine neue Definition des Menschen oder der Menschenliebe, sondern lediglich um eine

„Reform des Bewußtseins – nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch auf.“ (Marx-Engels-Werke Bd.1, S. 346)

Und der junge Marx schließt an diese Feststellung die Hoffnung an:

„Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. … Es handelt sich um eine Beichte, um weiter nichts. Um sich ihre Sünden vergeben zu lassen, braucht die Menschheit sie nur für das zu erklären, was sie sind“. (Marx-Engels-Werke Bd.1, S. 346)

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Fußnoten:

(1) Die christliche Religion vermittelt vor allem Liebe, zumindest den Glamour der Menschenliebe, wie sie von Gott gespendet sei. Gott liebt dich und wenn du daran glaubst, dann verspürst du es auch und wenn du es spürst, dann liebst du dich auch in dieser Welt der Konkurrenz, der seelischen Gefährdungen und des Hasses. Diese Eigenliebe scheint eine selbstverständliche Notwendigkeit zu sein, so selbstverständlich, dass es Pfarrer Fliege in jeder seiner Fernsehsendung immer wieder betonen muss. Und die Psychologen werden ihm auch beistimmen: Wer sich nicht lieben kann, wird auch andere nicht lieben können. Doch war mit Liebe nicht selbst schon ein bestimmter Inhalt menschlicher Beziehungen und auch eine Beziehung zu Gegenständen menschlicher Bedürfnisse gemeint? Wo ist da der Ursprung und Grund? Warum soll Eigenliebe Liebe zu anderen Menschen begründen? Ist Liebe einfach eine Befindlichkeit, an die man Glauben kann, durch die man Umgang pflegt und damit erreicht, was man sein will? „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“. Gib Liebe um deiner selbst Willen! Diene dem andern, um dir selbst zu dienen. Ist das nicht die Grundlage eines jeden Geschäfts, etwa als das psychologische Geschäft einer Vertragspartnerschaft: Ich bin ok, du bist ok. Doch wer oder was heißt dann ok?

(2) So bleibt es für viele Menschen auch wieder bei einem Gott, der in jedem ist, der als individuelle Allgemeinheit in jedem Menschen herrschen und ihn ausrichten soll und der daher auch weiterhin männlich, Gott Vater ist. Und die übermenschliche Frau, die heilige Mutter Gottes, ist auch keine schlechte Vorstellung, wenn man sie gegen die Unendlichkeit der Monster kulturbegabter Aliens hält. Sie ist die ewige Mutter und gebiert immerhin Gottes Sohn, ist „unbefleckter“ Ursprung des Gekreuzigten, der Sinnesgestalt der Erlösung, der Aufhebung der Erbschuld und des irdischen Leidens. Denn dieses Leiden war geblieben. Und hiergegen werden gerne gereinigte Gefühle, also abstrakte Gefühlsidentitäten gehalten, wie sie im Muttergotteskult gepflegt werden … und vielleicht auch in der Knabenliebe. Die Unzucht mit der Unschuld ist vielleicht ja auch der Aufzucht solch geheiligter Selbstgefühle analog. Von daher besteht eine gewisse Logik, warum so mancher katholische Geistliche sich darin erdet.

In vielen Religionen sind die Geschlechter strikt getrennt. Sie weisen jedem Geschlecht unterschiedliche Rollen und Aufgaben zu, die sie aus dessen Natur entwickeln und überhöhen. Nirgendwo ist dies so intim verankert, wie in der christlichen, besonders der katholischen. Mann und Frau sind göttlich als Vater und Mutter, die konkrete Familie zugleich als heilige Familie. Und als Gottvater und Mutter Gottes sind die Geschlechter völlig andersartigen Ursprungs und begründen darin intime Gegenwelten, die sich wesentlich fremd sein sollen und sich daher vor allem homosozial zu verwirklichen haben. Die Geschlechter können sich darin nicht bereichern, sondern müssen sich auf ihre Selbstbezogenheit verengen und sich in ihrer Einfältigkeit bestärken.

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