zukünftige Taten bestrafen forensische Psychiater – nur zu ihrem eigenem Wohl

[Psychiatrielager] Zukünftige Taten bestrafen-Forensische Psychiatrie

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Forensische Psychiatrie
Zukünftige Taten bestrafen
von Urs Hafner 17.6.2016, 05:30 Uhr
Für viele ihrer Urteile sind die Richter auf psychiatrische Gutachten angewiesen. Diese beruhen auf Programmen der statistischen Prognose. Die Gutachten gelten darum als «wissenschaftlich». Objektiv sind sie deswegen noch lange nicht. Wie Risikoprognosen den Rechtsstaat aushöhlen.

Ein Leben vor oder hinter dem Stacheldraht? Manchmal entscheiden Algorithmen mit. (Bild:Annick Ramp / NZZ)

Wir leben in einer aufgeklärten Gesellschaft. Wer das Gesetz bricht, wird gerecht bestraft: Ihm wird die Freiheit entzogen, er muss eine Busse bezahlen oder gemeinnützige Arbeit leisten. So schützt die Gesellschaft sich vor den Straftätern und will sie auf den rechten Weg zurückbringen. Wenn sie psychisch krank sind, müssen sich die Täter therapieren lassen, wenn dadurch die Rückfallgefahr reduziert wird.
Der «Massnahmenvollzug» geschieht entweder ambulant oder – öfter – stationär, das heisst in einem Gefängnis mit Psychiater oder in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik. Er dauert maximal fünf Jahre und kann um jeweils weitere fünf verlängert werden, «open end». Für «untherapierbare» Fälle, die Delikte wie Mord, schwere Körperverletzung, Raub und Vergewaltigung begangen haben, ist die lebenslängliche Verwahrung vorgesehen.
Schleichende Willkür
Ob ein Täter psychisch krank und wie gross seine Rückfallgefahr ist, kann der Richter nicht beurteilen. Für diese schwierige Frage ist er auf das Wissen der Psychiater angewiesen. Die sogenannte forensische Psychiatrie spielt denn auch im Justiz- und Vollzugssystem eine bedeutende Rolle: Nicht nur für die Diagnose der Störung, sondern auch für die «Legalprognose», also die Vorhersage, ob ein Straftäter wieder straffällig wird. Unter dem Druck der Öffentlichkeit, deren Sicherheitsbedürfnis gestiegen ist, hat sich in den letzten dreissig Jahren die Aufenthaltsdauer von Verurteilten im geschlossenen Vollzug beinahe verdreifacht. Gegenwärtig werden rund tausend Personen in Gefangenschaft therapiert.
Nun könnte man meinen, dass diese Entwicklung mit der Humanisierung des Strafapparats einhergeht: Immerhin berücksichtigen die Gerichte bei ihren Urteilen die psychische Verfassung der Täter und sorgen dafür, dass diese wenn möglich geheilt werden.

Doch der tatsächliche Einsatz der forensischen Psychiatrie legt eine andere Vermutung nahe. Die Justiz macht ihre Urteile von einem Expertenwissen abhängig, das als «wissenschaftlich» gilt und daher quasi unangreifbar ist. Das bringt den Entscheidungsträgern einen Vorteil: Sie werden entlastet, weil sie «objektiv» arbeiten. Den Nachteil bekommen die Verurteilten und Verdächtigten zu spüren: In ihre Beurteilung schleicht sich Willkür ein.
Richter, Staatsanwälte, Strafvollzugsbehörden, die Polizei, aber auch Verteidiger und Sozialarbeiter benutzen legalprognostische Gutachten, die auf der Grundlage von Datenbanken und Programmen der statistischen Prognose entstehen. Die Gutachten versprechen, die Gefährlichkeit eines Straftäters treffsicher einzustufen und dessen wahrscheinliches Rückfallrisiko zu prognostizieren. Die Systeme für statistische Prognosen sind in der Regel frei käuflich, an jedem Computer installierbar und von jedem Sachbearbeiter bedienbar: Man gibt Daten in ein Softwareprogramm ein, worauf das System algorithmische Berechnungen anstellt und neue Daten ausspuckt.
Sind Maschinen objektiv?
Verbreitet ist etwa der Violence Risk Appraisal Guide (VRAG). Man erhebt von der zu beurteilenden Person anhand von zwölf Kriterien Daten, etwa, ob sie bis zum 16. Lebensjahr mit beiden biologischen Eltern gelebt, ob sie in der Grundschule eine «mangelhafte Anpassung» aufgewiesen oder Alkoholprobleme gehabt habe. Diese Fragen formulierten die Entwickler des Instruments aufgrund der Daten, die sie einer Stichprobe von 600 verurteilten Rechtsbrechern entnahmen. VRAG misst den Probanden an einem Durchschnitt, teilt ihn in eine «Risikokategorie» zwischen 1 und 9 ein und berechnet seine «Rückfallwahrscheinlichkeit» in Prozentwerten: Sie wird bei Person X in sieben Jahren 67 Prozent betragen.
Eine offenbar erfolgreiche «Pilotphase» hat der Risikoorientierte Sanktionenvollzug (ROS) abgeschlossen, der bis anhin von den Kantonen Zürich, Luzern, Thurgau und St. Gallen eingesetzt wird. ROS soll dabei behilflich sein, rückfallgefährdete Personen zu identifizieren, die genauer überprüft werden sollten. Zu diesem Zweck werden Verurteilte mit dem Fall-Screening-Tool (FaST) «gefastet», wie es im Jargon heisst. Nachdem das Instrument Daten des Strafregistereintrags berechnet hat, teilt man die Fälle in drei Risikogruppen ein, von denen die gefährlichste genauer unter die Lupe genommen wird.
Komplexer als VRAG und FaST funktioniert Fotres, das der Psychiater Frank Urbaniok vom Psychiatrisch-Psychologischen Dienst des Kantons Zürich entwickelt hat. Das «Forensisch Operationalisierte Therapie-Risiko-Evaluations-System» beruht auf 90 «Risiko-Eigenschaften», anhand deren das Risikoprofil eines Täters identifiziert wird. Die üblichen psychiatrischen Diagnosesysteme seien nicht geeignet, Risiken zu erkennen, sagt Urbaniok. Fotres bilde unter anderem Phantasien, Glaubensmuster, Gewaltdispositionen, Sucht- und Dominanzeigenschaften ab. Nach der Auswertung der Angaben teilt auch dieses System die Betroffenen in unterschiedliche Risikogruppen ein.
Von den Ergebnissen der Evaluationssysteme hängt die Behandlung der Person durch die Behörden ab: ob sie in Gefangenschaft eine Therapie besuchen muss, Hafturlaub bekommt, freigelassen oder verwahrt wird. Wenn sie über das Strafmass hinaus in einer geschlossenen Anstalt festgehalten wird, weil sie das Risiko aufweist, wieder als Querulant zu stören, Passanten zu bedrohen, jemanden zu verletzen oder zu töten, dann läuft die therapeutische Behandlung auf die Bestrafung für eine Tat hinaus, welche die Person nicht begangen hat – oder in der Logik der Kriminalprognostik: für eine Tat, welche die Person noch nicht begangen hat.
Frank Urbaniok betont, sein Instrument betreibe keine einfache «Gruppenstatistik», sondern sei für die abklärende Person primär ein «Sparringspartner», um den Fall zu verstehen. Fotres helfe ihr, bei der Erstellung der Gutachten Fehleinschätzungen zu vermeiden. Mit ihrer Standardisierung leiste die Software das Qualitätsmanagement der Legalprognose. Generell heisst es von psychiatrischer Seite, dass man die Instrumente nicht allein entscheiden lasse; sie seien Hilfsmittel, um die Subjektivität und die Willkür der Prognose auszuschalten, die vorher bei der «freihändigen Voraussage» vorgeherrscht hätten. Entscheidend sei allein die Einschätzung der Gutachter, die nicht nur die Datenbanken konsultiert, sondern auch die Akten der Straftäter studiert und mit diesen geredet hätten.
«Sollen Maschinen das Schicksal von Menschen mitbestimmen?»
Warum steigt aber die Verwahrungsdauer an, woher kommt die Zunahme der Personen im Massnahmenvollzug? Warum lässt man Rechenmaschinen das Schicksal von Menschen mitbestimmen? Die Instrumente funktionieren auf der Grundlage von Algorithmen, welche die Datenmengen, mit denen sie gefüttert worden sind, nach Prinzipien berechnen, die in der Regel nur denen bekannt sind, welche die Maschinen programmiert haben. Wenn Psychiater betonen, sie stützten sich auch auf Akten, ist daran zu erinnern, dass diese von der Perspektive dessen geprägt sind, der sie angelegt hat. Die behördliche Akte ist genauso wenig «objektiv» wie das Prognoseinstrument.
Und wenn Psychiater darauf hinweisen, sie führten mit den Betroffenen Gespräche, ist dagegenzuhalten, dass diese von einem eklatanten Machtgefälle durchdrungen sind. Nähme man das therapeutische Anliegen ernst, müssten die Therapien auf Freiwilligkeit und dem Vertrauen zwischen Klient und Therapeut basieren. Sind diese Bedingungen nicht gegeben, tendiert die Therapie zur Umerziehungsmassnahme.
Unser Rechtssystem sieht für die Sicherheit der Gesellschaft die Legalprognose vor. Der Richter muss für sein Urteil mit der Unterstützung der Psychiatrie einen Blick in die Zukunft werfen. Solange dies mit Augenmass und der nötigen Vorsicht geschieht, ist wenig dagegen einzuwenden. Die angebliche «Wissenschaftlichkeit» der Kriminalprognose aber gaukelt allen, auch den Straftätern, eine Gewissheit vor, die es nicht gibt. Was macht der Täter, dem der Rückfall prophezeit wird?
Persönlichkeit wird bestraft
Mit Fotres ist der Täter etwa nach folgendem Kriterium zu beurteilen: «In der Mitte der Persönlichkeit ist kein Kern, sondern ein Vakuum.» Oder: «Versteht die Welt und die Menschen nicht wirklich.» Wer setzt hier die Norm? Der Psychiater, der alles im Griff hat? Standardisiert erhobene «Persönlichkeitsmerkmale» werden der Komplexität des menschlichen Wesens nicht gerecht. Der Mensch ist keine Maschine mit bestimmbaren Eigenschaften.
So unterhöhlt das Justizsystem sich selbst. Die Rechtswissenschafterin Nadja Capus von der Universität Basel sagt, man wisse nicht, welchen Stellenwert diese Prognoseinstrumente für die Psychiater neben dem Aktenstudium und dem Gespräch tatsächlich hätten. Im schlimmsten Fall würden Richter willkürlich entscheiden, wenn sie sich auf nicht begründete Tatsachen stützten. Unter Druck gerate zudem das Prinzip der Verhältnismässigkeit, also die Beachtung sowohl der Belastung, die der Freiheitsentzug mit sich bringe, als auch der Wahrscheinlichkeit, dass der davon Betroffene weitere Straftaten begehe. Rechtsstaatliche Prinzipien wie Verhältnismässigkeit schützten die Gesellschaft vor einer Strafjustiz, die dem Einzelfall nicht gerecht wird.
Mit der ausgeweiteten Risikoorientierung wird der Täter nicht mehr für seine Taten, sondern für seine Persönlichkeit bestraft. Der französische Soziologe Robert Castel hat schon vor Jahren vor dieser Entwicklung gewarnt: Um verdächtig zu sein, müsse das Individuum nicht länger Symptome der Gefährlichkeit oder Abnormität zeigen; es reiche aus, eine der Eigenschaften zu besitzen, welche die Experten als Risikofaktoren bestimmt hätten. Wer aber kann wissen, welcher Mensch mit welchen Eigenschaften sich in Zukunft wie verhalten wird?

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Von Blogger am 8/13/2016 04:26:00 vorm. unter Psychiatrielager eingestellt

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