Verhör-Methoden

15.06.2013 / Wochenendbeilage / Seite 6 (Beilage)Inhalt Junge Welt
Über die bayerische Justiz (2)
Von Reinhard Jellen

Der als Mörder von »Peggy« verurteilte Ulvi Kolac bei der Ortsbegehung in Lichtenberg (Bayern), 13.4.2004
Foto: Marcus Führer/dpa-Bildfunk
Über die Fahndungs- und Justizpannen in der Causa der 2001 verschwundenen neunjährigen Peggy Knobloch haben Ina Jung und Christoph Lemmer das Buch »Der Fall Peggy« (Droemer, München 2013) veröffentlicht. Darin schildern sie, wie unter dubiosen Umständen dem Verdächtigen Ulvi Kulac ein Geständnis abgepreßt wurde. Hierbei wurde die sogenannte Reid-Methode angewandet, die in den vierziger Jahren von einem Polizisten in Chicago, der damaligen Hauptstadt des organisierten Verbrechens, entwickelt wurde und übrigens urheberrechtlich geschützt ist. Das bayerische Innenministerium bezahlte zur Zeit von Peggys Verschwinden ausgewählten Beamten Verhörlehrgänge nach reidschem Muster und hatte damit durchschlagenden Erfolg. So konnte beispielsweise 2004 eine ganze Familie dingfest gemacht werden, die den Bauern Rudi Rupp zuerst erschlagen und zerstückelt und dann an die hofeigenen Schweine und Hunde verfüttert haben sollte – bis man im Februar 2009 ein Auto und Rudi Rupp am Stück aus der Donau zog. Jetzt stellte sich heraus, daß man die Familienmitglieder, denen ein Landgerichtsarzt »Grenzdebilität hart am Rande des Schwachsinns« attestiert, überambitioniert verhört hatte, so daß die Beschuldigten alles gestanden, was ihnen die Beamten in den Mund legten.

In Deutschland ist diese Verhörmethode mittlerweile verboten. Sie besteht darin, den Verdächtigen massiv konfrontativ anzugehen und mit falschen Anschuldigungen so lange Druck auszuüben, bis er das Blaue vom Himmel gesteht. Bei den Verhören von Kulac in der geschlossenen Anstalt von Bayreuth wurde dabei so laut herumgeschrien, und Aktenordner wurden auf den Tisch geknallt, daß die Pfleger trotz geschlossener Türen darauf aufmerksam wurden und beschlossen haben, bei jedem Verhör einen Kollegen vor der Tür zu postieren. Daraufhin wurden die anderen Verhöre ins zeugensichere Polizeirevier verlegt. Hier ist nicht klar, ob Kulac von den Polizisten nicht nur psychisch, sondern auch körperlich angegangen wurde.

Später hat dann Ulvi Kulac sein Geständnis widerrufen. Die Staatsanwaltschaft hat es aber trotzdem geschafft, daß das Geständnis vor Gericht verwertet wurde, indem sie einen doppelten Trick anwendete: Zum einen wurden die verhörenden Polizeibeamten als Zeugen benannt, und zum anderen ließ man ein Glaubwürdigkeitsgutachten erstellen, welches zum Ergebnis gelangt, daß das, was Ulvi Kulac im widerrufenen Verhör zugegeben hatte, der Realität entspricht.

Dieses Gutachten wurde von dem Professor und Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Freien Universität Berlin, Hans-Ludwig Kröber, geschrieben. Dieser war bereits als beherzter Gutachter für den Vatikan in Erscheinung getreten, als er seine Untersuchungsergebnisse über den möglichen Zusammenhang zwischen Zölibat und Kindesmißbrauch wie folgt prägnant zusammenfaßte: »Man wird eher vom Küssen schwanger als vom Zölibat pädophil.« Mittlerweile hat Herr Kröber einige Berühmtheit erlangt, insofern er im Fall Gustl Mollath per Ferndiagnose sein Scherflein dazu beitragen konnte, die Öffentlichkeit vor dem angeblich paranoiden Spinner zu schützen.

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