Körperverletzung Psychiatrie

Körperverletzung Psychiatrie
Habe leider auch eine Nervenklinik kennengelernt – und zwar die in Berlin-Spandau. Man hat mich dort unter dem Vorwand hingeschickt – weil im Krankenhaus kein Bett frei sei. Ich hatte das Ende einer Ehe hinter mir, und ich bat das Gesundheitsamt Spandau, mich ein paar Tage ausruhen zu dürfen in einem Krankenhaus. Ich wollte nur ein paar Tage ausruhen und nachdenken – weil ich kein Bett zum Schlafen hatte. Ganz allein bin ich dort ahnungslos in diese Nervenklinik reingegangen. Nach ein paar Minuten merkte ich, was los war, und bat, daß man mich nach Hause gehen lassen mochte.

Ich wollte lieber zurück zu einem Ehemann, der mir mit Prügeln gedroht hat, als in eine Nervenklinik.Da ich Schwester und Arzt angeschrieen habe und mit dem Gericht gedroht habe, hat mich dieser Dr. G. mundtot gemacht. Ich mußte mich nackt ausziehen – dieser Dr. G. hat mir irgendeinen Paragraphen vorgelesen und wörtlich zu mir gesagt, daß er innerhalb von 24 Stunden mit mir machen kann, was er will. Danach bekam ich eine herrliche K.o.-Spritze, von der ich über 15 Stunden schlief.

Darauf bekam ich Augenkrämpfe und Ohnmachtsanfälle.

Unter Zwang mußte jeder Tabletten nehmen (ansonsten vom Arzt Spritze).

Ich durfte erst nach Hause, als ich sagte, daß ich zum Ehemann zurückkehre.

Es gab eine Gerichtsverhandlung auf der Station – ich spielte eine glückliche Ehefrau – war ja alles wieder o.k.

Bin inzwischen geschieden, habe meine erste Reise nach Ibiza hinter mir. Wenn man die Norm unserer Gesellschaft durchbricht, ist man verrückt.

Leider konnte ich diesen Dr. G. nie vor Gericht bringen, da unsere Gesetze ihm Recht geben.

Ich hoffe, da drinnen (Nervenklinik Spandau) jagt mal jemand dem Arzt seine eigene Spritze in den Arsch.

Dann möchte ich ihm seine blöde Visage in einem Spiegel zeigen – Kinder, können wir den nicht mal fragen, ob er sich zur Verfügung stellt!

Mit allerbesten GrüßenHannah Trieper

Diesen Leserbrief (Trieper 1989) erhielt die Selbsthilfegruppe von Psychiatrie-Betroffenen, in der ich einige Jahre aktiv war. Unter einem Pseudonym spricht die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Autorin alle wesentlichen Bestandteile der institutionellen Psychiatrie an: Vorgabe von Hilfe, gewalttätige Bestrafung von Normbrüchen, Sexismus, Rechtlosigkeit, körperschädigende Behandlung, aber auch die Notwendigkeit des Widerstands.

Über die Schädlichkeit psychiatrischer Maßnahmen wie Elektroschock und Neuroleptika liegt mittlerweile eine Vielzahl eindeutiger Literatur vor; MedizinerInnen, Psychiater und Betroffene schreiben von schweren körperlichen, geistigen und psychischen Folgeschäden sowohl der Elektrokrampf-`Therapie‘ (EKT) als auch der Neuroleptika. Mit diesen `antipsychotischen Medikamenten‘ behandelt werden ca. 95% der psychiatrisch Untergebrachten sowie in steigender Zahl in Altenheimen Menschen mit störender und unbequemer Lebens- und Sinnesweise.

In meinem Buch »Der chemische Knebel – Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen« (1990) stellte ich psychiatrische Publikationen über die Neuroleptika-Behandlung zusammen. Deren Wirkungsweise wird – von den Psychiatern selbst – charakterisiert als

(Lebensvorgänge hemmende) Verringerung der Sauerstoffaufnahme des Hirngewebes,

als Beeinträchtigung der Hirnanhangdrüse und somit des gesamten Hormonsystems,

als künstliche Herstellung einer Parkinsonkrankheit (aufgrund der Blockade des Dopamin-Stoffwechsels) sowie

als Schaffung eines hirnlokalen Psychosyndroms (S. 83ff.).

Damit übereinstimmend, wenn auch mit anderer Bewertung, sprach der Schweizer Psychiater Hans Walther-Büel (1955) die Tatsache aus,

daß Neuroleptika, von manchen Psychiatern auch Nervenplegika (Nervenlähmungsmittel) genannt, keine harmlosen und froh machenden Glückspillen sind, sondern Substanzen, die eine erhebliche Beeinträchtigung des Zentralnervensystems mit sich bringen:

Die neuroplegisch wirkenden Substanzen an sich erzeugen ein Zustandsbild (Schlafsucht, Apathie, Stumpfheit, später eventuell Rastlosigkeit…), das als hirnlokales Psychosyndrom bzw. in der Regel als Stammhirnsyndrom anzusprechen ist (…). Daß die Erzeugung eines solchen (neben der Schockwirkung) einen praktisch-therapeutischen Nutzen haben kann, haben wir durch die Erfahrung mit der Leukotomie (Durchtrennung der Stirnhirn-Thalamus-Nervenbahnen) gelernt (…). Nicht zu Unrecht sprechen französische Autoren von einer pharmakologischen Lobotomie. (S. 292f.)

Manche Psychiater ziehen den nicht minder treffenden Ausdruck »Einsteifung« (Dreher 1982, S. 132) vor.

Die anhand psychiatrischer Veröffentlichungen und Herstellerinformationen gemachten Angaben zu den schädlichen Auswirkungen (`Neben‘-Wirkungen) der Neuroleptika lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Durchschnittlich 90% aller Behandelten leiden unter atrophischen, d.h. eine Schrumpfung des Gehirns beinhaltenden Zuständen;

90% Bewegungstörungen, häufig irreversibler Art;

30% Fieberanfälle;

bis zu 100% krankhafte EKG-Veränderungen;

50% Zahnfleischentzündungen, oft mit Zahnausfall verbunden; (bei fortdauernder Behandlung)

80% Lebererkrankungen;

40% Diabetes;

43% Fettleibigkeit.

Weiter sind zu nennen: Sterilität, Ausbleiben der Menstruation, Impotenz;

Farbstoffablagerungen im Auge und im Herzmuskel;

signifikant erhöhte Zahl von Chromosomenbrüchen und -rissen, die zu Mutationen führen;

seelische Abstumpfung – »Zombie-Effekt«,

Willenlosigkeit,

Verzweiflungszustände mit Selbsttötunggefahr,

Verwirrtheit und Delir.

In den USA müssen seit September 1978 Informationszettel über Neuroleptika einen Warnhinweis erhalten, daß diese bei Nagetieren Neoplasmen (Geschwulstbildungen), die in Krebs übergehen können, in den Brustdrüsen hervorrufen können, wenn sie langzeitig in der Dosierung verabbreicht werden, die heute in der Dauerbehandlung üblich ist (»Transparenz-Telegramm« 1983, S. 490);

im deutschen Sprachraum wird diese nicht uninteressante Information den Betroffenen und ihren Angehörigen vorenthalten.

An einer anderen Schädigung, an Neuroleptika-bedingter tardiver Dyskinesie (einer veitstanzförmigen, nicht behandelbaren Muskelerkrankung, auch Späthyperkinese genannt) litten nach Berechnungen des englischen Psychologen David Hill 1985 weltweit bereits 38,5 Millionen Menschen irreversibel (Lehmann/Hill 1989).

In einer 1991 veröffentlichten Studie über eine Stichprobe gemeindepsychiatrisch behandelter und z.T. in `betreutem‘ Einzelwohnen oder `therapeutischen‘ Wohngemeinschaften lebender Berliner spricht die Autorengruppe von einem durchschnittlichen Vorkommen von 59% tardiven Dyskinesien: Von den untersuchten `Betreuten‘ wurden 265 von niedergelassenen Nervenärzten behandelt und verließen deren Praxen mit einer Wahrscheinlichkeit von 96,2 zu 100 unter Neuroleptika-Einfluß;

die Institutsambulanz der Nervenklinik Berlin-Spandau verabschiedete ihre 108 Stichproben in 94% aller Fälle mit Neuroleptika.

Ergebnis: 21% der `langzeitbetreuten psychisch Kranken‘ entwickelten eine tardive Dyskinesie leichter Form, 18% dieselbe Erkrankung in mittlerer und 20% gar in schwerer Ausprägung (Kaiser u.a. 1991).

Alle bekanntgewordenen Neuroleptika-Schäden einschließlich tödlicher Komplikationen treten bei allen Neuroleptika auf, auch den sogenannten schwachpotenten, auch schon nach kurzer Dauer, auch bei geringer Dosis. Nicht zuletzt Hanfried Helmchen, Chef der Berliner Uni-Anstalt und ehemaliger Führer des deutschen Psychiatervereins DGPN, warnt in einer internen Diskussion unter Psychiatern vor der gefährlichen Illusion, es gebe einen prinzipiellen Unterschied zwischen gefährlichen und ungefährlichen Verabreichungsmengen. Er beschreibt einen Erstickungsanfall, der in einer Vielzahl von Fällen tödlich endet (siehe Lehmann 1990, S. 136ff.). Tonoquil ist ein Misch-Psychopharmakon, das u.a. das Neuroleptikum Thiopropazat enthält:

In der Berliner Klinik trat bei einem Staatsexamenskandidaten in der Prüfungssituation ein Zungenschlundsyndrom auf. Nach genauem Befragen war herauszufinden, daß der Betreffende eine Tablette Tonoquil eingenommen hatte; hier scheint die These, daß Minidosen völlig unschädlich seien, doch widerlegt. (1983)

Zuletzt will ich hervorheben, daß Neuroleptika den Behandelten bleibende Nervenerkrankungen einbringen können, die sie erst richtig verrückt machen.

Wie Laborversuche der Forschergruppe um Angus Mackay in Schottland zutage brachten, können Neuroleptika zu einer spezifischen Veränderung des Nervensystems führen, nämlich zu einer unnatürlichen Erhöhung der Zahl der Rezeptoren, d.h. der Empfangsstellen für die Nervenimpuls-Überträgerstoffe an den Nervenspalten, und damit zu `Schizophrenie‘-artigen Zuständen, auch wenn der Behandlungsgrund keine psychiatrische Diagnose war (Mackay u.a. 1982).

Der schwedische Arzt Lars Martensson setzt deshalb die Neuroleptika-Behandlung mit dem Einbau künstlich psychotisch machender Substanzen gleich (Martensson 1987). Alle Erfahrungen mit psychiatrischer Langzeitbehandlung gehen in dieselbe Richtung.

Die Erstbehandlung ist es, die unbedingt zu verhindern ist, da sie, wie dies auch bei harten Drogen der Fall ist, die Weichen zur Abhängigkeit vom psychiatrischen System stellt, der psychiatrischen Industrie bleibenden Absatz verspricht. Dabei spielt es keinerlei Rolle, ob die Anbehandlung, so der psychiatrische Fachbegriff, ohne spezielle Nötigung oder gewaltsam stattfindet.

Klaus Dörner, einer der Chefideologen der Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie (DGSP), lehrt den Elektroschock, eine andere zeitgemäße Form psychiatrischer Behandlung:

Wir verwandeln den seelisch leidenden vorübergehend in einen hirnorganisch kranken Menschen, bei der EKT nur globaler, dafür kürzer als bei der Pharmako-Therapie. (Dörner/Plog 1992, S. 545)

Vor der hirnschädigenden Wirkung des Elektroschocks warnen der amerikanische Neurologe John Friedberg (1976, 1977b) und sein Landsmann, der Psychiater Peter Breggin (1980). Dieser stellt die Zerstörungen der Nervenzellen in den Mittelpunkt seiner Kritik; die Schäden kommen durch die epileptischen (Grand mal-) Anfälle zustande, ausgelöst durch die Stromstöße, die durch das Gehirn gejagt werden. Aber auch die psychischen und geistigen Folgeschäden bringt Breggin eindrucksvoll in Erinnerung, wenn er z.B. den `therapeutischen‘ Ansatz zweier Elektroschocker kritisiert, die im Kreise ihrer Kollegenschaft ihr Erfolgsprinzip offenbaren:

Nach unserer Ansicht war die Regression des Patienten ausreichend fortgeschritten, wenn er einnäßte und einkotete und sich wie ein vierjähriges Kind verhielt bzw. so sprach. Diese Patienten waren verwirrt, konnten sich nicht um ihre persönlichen Belange kümmern und nahmen ab, obwohl sie aßen – in einigen Fällen die übliche Menge. Häufig mußten sie gefüttert werden… Manchmal klingen die Verwirrtheitszustände schnell wieder ab. Die Patienten verhalten sich dann, als wären sie aus einem Traum erwacht. Ihr Gemüt wirkt wie ein unbeschriebenes Blatt, auf dem wir nun schreiben können. Im allgemeinen sind sie kooperativ und sehr leicht zu beeinflussen und damit offener für Psychotherapie. (Kennedy/Anchel 1948; zit.n. Breggin 1980, S. 191)

Eine exakte Beschreibung von Gehirnwäsche, der nichts hinzuzufügen ist außer der Tatsache, daß seit 1948, dem Jahr ihrer Veröffentlichung, die Stromstärke des Elektroschocks und die jeweilige Dauer seines Vollzugs ständig gestiegen sind.

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