Psychiatrie-Kritik

Psychiatrische Zukunft
In den letzten Jahren werden nun vermehrt Stimmen von SozialwissenschaftlerInnen, MedizinerInnen und sogar von einzelnen Psychiatern laut, die die nonchalante Haltung ihrer Kollegen zu den unübersehbaren Schäden der Neuroleptika kritisieren.

Sie betonen die Unmöglichkeit von Psychotherapien unter Neuroleptika-bedingter emotionaler Vereisung,

enthüllen die Behauptung der frühzeitigeren Anstaltsentlassung aufgrund der Neuroleptika-Behandlung als Mythos,

berichten von der Überlegenheit von Placebos über Neuroleptika hinsichtlich `Rückfall‘-Vermeidung und von besseren Arbeitsmöglichkeiten für das Team bei Verzicht auf Neuroleptika.

Zuallerletzt fordern sie ein striktes Verbot der Zwangsbehandlung mit Neuroleptika, ja sogar das Verbot von Neuroleptika und Schockmaßnahmen überhaupt.

JournalistInnen fiel inzwischen sogar unangenehm auf, daß Neuroleptika, mit denen Schweine auf Transporte in Schlachthäuser betäubt werden, in die Nahrungskette eindringen (und damit auch sie selbst und andere Nichtbehandelte schädigen könnten); der Spiegel zitiert die bundesdeutsche Tierarzneimittel-Zulassungskommission, die vor dem Einsatz von Chlorpromazin, dem Neuroleptika-Prototyp, warnt: »Chlorpromazin steht im Verdacht, zellverändernd, krebserzeugend und fruchtschädigend zu sein.« (»Leben« 1992, S. 183)1

Psychiater, haben sie doch »eine Art feudaler Pfrundherrschaft« (Mazenauer 1984, S. 90) errichtet, so die Schweizer Juristin Beatrice Mazenauer, reagieren lediglich taktisch auf Kritik.

Ein übliches Reaktionsmuster auf Kritik an Behandlungsschäden durch Neuroleptika ist die Forderung nach noch mehr Stellen und Finanzmitteln: Neuroleptika würden nur aus Gründen eines Pflegenotstands eingesetzt, um Untergebrachte dämpfen und auf überfüllten Stationen halten zu können (»Ärzte« 1987; Reimer 1987).

Oft genug sind es dieselben Psychiater (wie z. B. der ehemalige DGPN-Chef Fritz Reimer aus Weinsberg), die in der normalen Presse den Einsatz chemischer und anderer biologischer Behandlungsmethoden verbal bedauern und mit Personalmangel begründen, intern in Verbandszeitschriften jedoch gleichzeitig Mitstreiter für den verstärkten Vollzug beispielsweise des Insulin-Schocks fordern (Heckel/Reimer 1986),

Einer der brutalsten Behandlungsmethoden (s. Kalinowsky/Hoch 1954, S. 22 – 98) Es sollte bekannt sein, daß in den personell besonders gut ausgestatteten psychiatrischen Einrichtungen, den Uni-Anstalten, am massivsten auf biologische Behandlungsmittel gesetzt wird und

daß normale Psychiatrie-`Pfleger‘ schon zum gegenwärtigen Zeitpunkt in der Regel pro Schicht nur zwei Stunden zum Austeilen von Neuroleptika, Handtüchern und Essen benötigen und die restliche Zeit – anders als die überstrapazierten Krankenschwestern und -pfleger in Krankenhäusern – meist kaffeetrinkend und schwatzend in ihren Stuben und Wachkabinen sitzen.

Die Psychiater, die bei Kritik an ihrer Behandlung auf den angeblichen Pflegenotstand in ihren Anstalten verweisen, stört es auch wenig, daß sie gleichzeitig in allen psychiatrischen Zeitschriften Neuroleptika als angemessene Mittel der ersten Wahl bei `Schizophrenie‘ und ähnlichen Diagnosen oder als vorteilhafte Medikamente anpreisen2.

Luc Ciompi verblüffte im Schweizer Fernsehen (»Zyschtigs-Club« am 24. November 1992) gar mit der Behauptung, die Kritik an Neuroleptika-Schäden sei überholt, da zu alt, und jetzt gebe es völlig neue Neuroleptika.

Daß sich die Durchschnittsdosis an Neuroleptika in den letzten zwei Jahrzehnten verzehnfacht hat (Finzen; vgl. Eichenbrenner 1990, S. 17), daß in der Zeitschrift Fortschritte der Neurologie – Psychiatrie sogar schon die Überlegenheit »standardisierter Haloperidolbehandlungen im Vergleich zur `adäquaten individuellen Dosierung’« (Klieser/Lehmann 1992) angepriesen wird, veranlaßt keinen aktiven Psychiater zu einem öffentlichen Wort der Kritik.

Wirkungsvoll, da er bei Laien weitverbreitete Ängste anspricht, ist auch der Hinweis auf die pharmakologische Behandlungsbedürftigkeit von angeblich gewaltbereiten `Schizophrenen‘, besonders nach politischen Attentaten; würden alle psychisch Kranken unter `eine angemessene Dosierung wahndämpfender Medikamente‘ gestellt, so der Psychiater Heinz Häfner nach den Attentaten auf die Politiker Lafontaine und Schäuble, wäre das Gewalttaten-Risiko wesentlich geringer (s. »Warnsignale« 1990).

Daß sogar, wie im Fall Häfner, die eigenen psychiatrischen Studien immer wieder zum Ergebnis kommen, daß die Kapitalverbrechensrate von `psychisch Kranken‘ unter dem Durchschnitt der Normalbevölkerung liegt (Häfner/Böker 1972; Lindqvist 1986 u. 1989) und die Psychiatrisierten lediglich – weshalb wohl? – in der ersten Zeit nach der Behandlung in einer Psychiatrischen Anstalt vermehrt Straftaten begehen, spielt bei Interviews durch Psychiatrie-gläubige JournalistInnen keine Rolle.

Strategisches Ziel von Psychiatern ist, wie sie sich 1989 auf der internationalen »Consensus-Konferenz über Richtlinien zur neuroleptischen Rezidivprophylaxe (Rückfallverhütung)« im belgischen Brügge gegenseitig versicherten, die nie endende Neuroleptika-Verabreichung:

Bei Patienten, bei denen es im Rahmen einer früheren Erkrankung zu Fremd- oder Selbstgefährdung kam, ist an eine zeitlich nicht begrenzte, möglicherweise lebenslange neuroleptische Rezidivprophylaxe zu denken. (… Deshalb müssen Psychiater, P.L.) rasch durch die Schaffung einer entsprechenden Gebührenposition in die Lage versetzt werden, die beschriebene Motivationsarbeit in Form psychoedukativer (psycho-erzieherischer) Gruppen für Patienten und eventuell auch für deren Angehörige anzubieten. (Budde 1992, S. 208/211)

Einig sind sich psychiatrisch Tätige schon lange, daß den Betroffenen die Neuroleptika-Auswirkungen lebenslänglich zugemutet werden sollen. Unter Einbeziehung weiterer psychiatrischer `Medikamente‘ kündigt Bruno Müller-Oerlinghausen von der Berliner Uni-Anstalt an:

Neuroleptika, Antidepressiva und Lithiumsalze verursachen bei der oft lebenslangen Therapie die verschiedensten Nebenwirkungen, von denen viele als mehr oder minder lästige Begleitwirkungen entsprechend den herrschenden, therapeutischen Usancen (Gewohnheiten) in Kauf genommen werden und keinesfalls zum Absetzen des Medikamentes, ja oft auch nicht einmal zu einer Dosisreduktion führen müssen. (1980, S. 248)

Die lebenslängliche Behandlung kann möglicherweise durch neue Psychiatrie-Gesetze sichergestellt werden (Reichel 1980, S. 300f.). Aus den USA ist seit längerer Zeit bekannt, welcher Art diejenigen Nötigungen (`Hilfen‘) sind, die den Betroffenen von Richtern auf Wunsch von Psychiatern auferlegt werden; David Oaks berichtet:

Es kommt heutzutage vor, daß Richter in der Gemeinde lebenden Personen befehlen, sich regelmäßig bei ihren Sozialpsychiatrischen Diensten zu melden, um dort gespritzt zu werden, und zwar speziell mit Prolixin (Fluphenazin; Dapotum, Lyogen, Omca), dessen Wirkung länger als einen Monat anhalten kann. (1982/83, S. 12)

Wenn Psychiater Kritik einmal zur Kenntnis zu nehmen und darauf zu reagieren scheinen, kommen sie über ewig gleiche Leerformel nicht hinaus:

Behandlungsschäden ließen sich mit `strenger‘ Indikation, `kritischer‘, `richtiger‘ und `bewußter‘ Verordnung, `weiser‘ Anwendung und `zurückhaltender‘ Dosierung durch den `vernünftigen Therapeuten‘ verhindern, so Finzen in seiner Scheinauseinandersetzung mit PsychiatriekritikerInnen (1990, S. 232ff.).

Fällt dem Psychiater dann gar kein Argument mehr ein zur Glaubhaftmachung seines Altruismus, d.h. der Ausrichtung seiner Tätigkeit am Wohle der Mitmenschen, so sollen zuallerletzt die Betroffenen selbst zur Absegung der unerwünschten Behandlungsauswirkungen herhalten: »Sollen sie etwa bei körperlichen Krankheiten erlaubt sein, bei psychischen aber verboten? Vielleicht fragen wir doch einmal den Kranken selber!« (Finzen 1990, S. 241)

Exakt dieselbe Begründung benutzen Finzens Kollegen Hans Bräutigam und Rainer Tölle, die just zum richtigen Zeitpunkt einen begeisterten `Patienten‘ aus dem Hut zaubern, um den Elektroschock wieder hoffähiger zu machen.

Bräutigam zitiert den britischen Schauspieler Philip Toynbee, der nach drei Jahren schwerer Depression durch Elektroschocks `von seiner Verdämmerung erlöst‘ worden sei (»Wie absurd erscheint mir das ganze humane Geschrei gegen die Elektroschockbehandlung« [zit.n. Bräutigam 1992]),

und Rainer Tölle stellt sich selbstlos an die Spitze einer `Patienteninitiative‘, bestehend aus einem anonymen Melancholiker, und gibt ihm im Mitteilungsblatt der DGPN Raum, um unter Verweis auf »den Mut und die Noblesse« (zit.n. Tölle 1992, S. 127) elektroschockender Psychiater die Stiftung eines Preises »für wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Elektrokrampftherapie« (ebd.) zu fordern.

Daß Kritiker, von denen es sicher mehr als eine/n anonyme/n gibt, bei Psychiatern grundsätzlich nicht zu Wort kommen, bedarf keiner näheren Erläuterung.

Von welchen Gesellschaftsstrukturen Psychiater bei der Planung der Zukunft der Betroffenen ausgehen, ist u.a. in der Psychiatriezeitung Eppendorfer nachzulesen, wo dem Anführer der Elektroschocker, dem US-Amerikaner Max Fink, Raum zur Werbung für den weltweit verstärkten Elektroschockvollzug (EKT) gegeben wird: »In China sei die EKT weit verbreitet…« (»Wiedergeburt« 1992), S. 28), lesen wir – und sind wenig überrascht, in Anbetracht der dortigen politischen Verhältnisse.

Einen nicht minder interessanten Ausblick auf die `Zukunft der Pharmakotherapie‘ gibt Finks Landsmann Frank J. Ayd im Vorwort zu dem von ihm selbst herausgegebenen gleichnamigen Buch (»The Future of Pharmacotherapy«), das sich mit Depot-Neuroleptika befaßt:

Dieses Buch ist einer Form neuer Zuführungssysteme von Medikamenten gewidmet, aber ich möchte Sie gerne für einen Moment in die Zukunft führen, wie ich sie voraussehe.

In anderen Bereichen der Medizin werden bei uns Medikamente bereits implantiert (eingepflanzt) – außer in der Psychiatrie. In manchen Gebieten der Welt wird eine implantierbare Form von Antabus zur Behandlung von Alkoholismus benutzt. Dies setzt die Medikation allmählich über eine Dauer von sechs bis acht Monaten frei, bevor ein neues Implantat notwendig wird. Ich glaube, daß es in naher Zukunft andere, neue Wege der Medikamenten-Verabreichung geben wird.

Vielleicht wird es möglich sein, Silikon (eine Kunststoffart) mit einigen Neuroleptika zu imprägnieren (durchtränken). Wenn eine intrauterine (in die Gebärmutter einführbare) Vorrichtung oder ein Pessar mit einem Neuroleptikum imprägniert werden könnte, wäre eine Minidosis vielleicht wirksam.

Von der Erfahrung mit Prostaglandinen wissen wir, daß die Absorption (Aufsaugung) von der Vagina und dem Uterus sehr gut ist.

Mehr und mehr würdigen wir auch, daß die Verabreichung von Medikamenten durch das Auge, die Wangen- und Nasenschleimhaut und das Rektum (Mastdarm) bestimmt eintretende metabolische Wege (Bahnen im Stoffwechsel, auf denen die Neuroleptika verändert und abgebaut werden) vermeidet. (…)

Somit könnten wir in den nächsten Jahren einspritz- oder einpflanzbare Psychopharmazeutika mit möglicherweise einer Wirkungsdauer von sechs Monaten bis zu einem Jahr haben sowie die Verabreichung hoher Dosen durch solche Wege für jene Patienten, die sie benötigen könnten.« (1973, S. 8f.)

Nicht nur an neuen Verabreichungsformen, auch an immer neuen Psychopharmaka arbeiten Herstellerfirmen und Psychiater.

Ob es sich dabei um die Ausbreitung des Neuroleptika-verwandten Risperidon

oder des vegetativ ausgesprochen riskanten Clozapin (Leponex) handelt,

um die Erprobung des seines Nachfolgepräparates Fluperlapin (NB 106-689),

um die Kombination aller möglichen Neuroleptika mit dem Antiepileptikum Carbamazepin (Calepsin, Finlepsin, Neurotop, Sirtal, Tegretal, Tegretol, Timonil)

oder um – in der BRD – der Versuch, das wegen Krebsverdachts vom Bundesgesundheitsamt verbotene Penfluridol (Semap) wieder zugelassen zu bekommen: der Markt für immer noch `segensreichere‘ Psychopharmaka ist unerschöpflich.

Angetrieben von arbeitsplatzpolitischen und wirtschaftlichen Interessen vernachlässigen Psychiater die Entwicklung neuer `Krankheits‘-Bilder keinesfalls.

Die verschiedenen Chemieunternehmen, die in ihrem Konkurrenzkampf immer neue Substanzen entwickeln müssen, geben Psychiatern noch viel zu tun, wie Helmchen und Müller-Oerlinghausen mitteilen:

Werden im allgemeinen für bekannte Krankheitsbilder Medikamente gesucht, so werden hier für interessante Substanzen Indikationen gesucht.

Solche »Indikationen« mögen durchaus außerhalb konventioneller psychiatrischer Nosologien (`Krankheits‘-Lehren) liegen: z.B.

Erschöpfungszustände bei überarbeiteten Managern oder berufstätigen Müttern,

»Schulmüdigkeit«,

Konzentrationsstörungen,

aggressive Zustände bei Strafgefangenen,

schizoide (kontaktarme, ungesellige) oder zyklothyme (durch ausgeprägte Stimmmungswechsel charakterisierte) Persönlichkeitsstrukturen,

Empfindlichkeit gegen Geräusche,

leichter Schlaf (…).

Wenn wir davon ausgehen, daß unsere Welt immer künstlicher, »menschengemachter« werden wird, gleichzeitig die Anforderungen der Leistungs- und Massengesellschaft an unsere psychische Stabilität immer größer werden, muß dann nicht jede mögliche chemische Beeinflussung psychischer Funktionen auf ihre eventuelle soziale Brauchbarkeit hin untersucht werden?« (Helmchen/Müller-Oerlinghausen 1978, S. 16f.)

Die Situation der Psychiatrie, ihrer Anpassung an den Markt der Neuroleptika und speziell der Depot-Neuroleptika sowie ihre geplante zukünftige Entwicklung habe ich deshalb ausführlich dargestellt, um die Ausgangssituation für die Umgestaltung der Psychiatrie in Richtung Entpsychiatrisierung und Ausstieg klarzumachen.

Hoffnungen, daß von psychiatrisch Tätigen Impulse zur Verbesserung der Situation von Betroffenen ausgehen, sind nicht realitätsgerecht.

Wer könnte antipsychiatrisch Gesinnte in ihren Bemühungen um die Durchsetzung diagnoseunabhängiger Menschenrechte und des Rechts auf soziale Unterstützung bei sozialen Problemen und psychischen Ausnahmezuständen zur Seite stehen?

Sind es die organisierten Angehörigen, die sich ihre »Handwerksregeln« (Dörner 1987, S. 86) allzugerne von psychiatrisch Tätigen und ihre finanziellen Zuwendungen von gönnerhaften Pharmamultis (»Jahresbericht« 1987, S. 1) geben lassen und in der Regel »den Patienten in die Behandlung, in die Tagesklinik oder zur Arbeit schicken (… und, P.L.) die Medikamenteneinnahme gewährleisten…« (Hubschmid 1991, S. 26)?

Sind es die jungen Psychiater in den modernen Universitätsanstalten, deren Neigung zur biologischen und besonders reaktionären Psychiatrie, so das Ergebnis einer Studie Rudolf Winzens, weitaus höher ist als die der Psychiater in den großen, alten Anstalten (Winzen 1987)?

Sind es die grün-alternativen Psychiater und ihre poltischen Freunde und Freundinnen, die, wie beispielsweise die Bezirksrätin der oberbayrischen Grünen, Gabriele Bucerius, Aktionsgemeinschaften mit dem Berufsverband von Nervenärzten und Pharmafirmen bilden, um finanziell schlecht gestellte Psychiatrische Anstalten Rußlands ausreichend mit Psychopharmaka zu versorgen (»Medikamente« 1991)?

Sind es linke Psychiater wie beispielsweise Erich Wulff, Leitfigur und Vordenker, dessen fortschrittliches Wirken (u.a. Verteidigung von Elektroschocks und Zwangsbehandlung) von der Deladande Arzneimittel GmbH, von Hoffmann-La Roche, von der Knoll AG, der Sandoz AG und von Ciba-Geigy mit der Finanzierung seines (im Berliner Argument-Verlag erschienenen) Jubelhefts (»Festschrift«) zum 60. Geburtstag belohnt wurde (»Himbeersaft« 1988)?

Übrig als Subjekte der Veränderung der Situation von Psychiatrie-Betroffenen bleiben schließlich nur die Betroffenen selbst.

Dies ist im psychiatrischen Bereich nicht anders als in jedem anderen gesellschaftlichen Konfliktbereich auch.

Wollen sie nicht zusehen, wie immer weitere Kreise der Bevölkerung unter Neuroleptika-bedingten Hirnschäden leiden, und vor allem, wollen sie nicht zu diesen Opfern gehören, müssen sie sich zusammenschließen und Widerstand leisten.

Daß die organisierten Betroffenen eine Gegenmacht aufbauen könnten, die den Lack psychiatrischer Allmacht ankratzen könnte, haben psychiatrische Strategen wie Finzen allerdings längst erkannt.

Der DGSP-Ideologe, der bereits in der Vergangenheit immer wieder machtgefährdende Kritik abwiegelte, versuchte, durch regelmäßige Mitarbeit (mit Kaffee und Gebäck?) schon während der informellen Gründungsphase des deutschen Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener massiv Einfluß auf seine inhaltliche Zielsetzung auszuüben (Wenke 1992),

um eine unkontrollierte Entwicklung im Keim zu ersticken und den kooperationsfreudigen Teil der `psychisch Kranken‘ in seiner propsychiatrischen Haltung zu stärken.

Dieser psychiatrische Einsatz zum jetzigen Zeitpunkt überrascht wenig, hat sich die Antipsychiatrie-Bewegung im deutschen Sprachraum mit der Gründung des Forums Anti-Psychiatrischer Initiativen 1989 in Nürnberg von den Fesseln der studentischen Antipsychiatrie sowie der Reformpsychiatrie gelöst.

Da allerdings die Angst vor der eigenen Unabhängigkeit auch unter Psychiatrie-Betroffenen recht verbreitet ist, sind Auseinandersetzungen unter ihren Aktiven vorprogrammiert, beispielsweise zu den Fragen, wie die eigenen Interessen zu definieren sind, wie wichtig eine klare Kursbestimmung für das weitere Vorgehen ist, wie hemmend oder fördernd Koalitionen ausgerechnet mit der institutionellen Psychiatrie sind, ob bei eigenen Verlautbarungen inhaltliche Zugeständnisse zu machen sind, um an öffentliche Gelder für Publikationen heranzukommen.

Eine gemeinsame Grundhaltung politisch unterschiedlich ausgerichteter Psychiatrie-Betroffener, z.B. in der Forderung nach einem diagnoseunabhängigem Recht auf körperliche Unversehrtheit, also auch nach einem Verbot der Zwangsbehandlung, könnte eine tragfähige Basis für Koalitionen sein: Da Menschenrechte als unteilbar, d.h. nicht relativierbar gelten, müssen sie unabhängig von Diagnosen, Betreuungs-, Pflegschafts-, Sachwalterschafts- oder sonstiger Vormundschaftsverhältnissen gelten und unabhängig davon, ob ein einzelner Betroffener bzw. eine einzelne Betroffene in einer speziellen Situation für sich selbst den Entschluß trifft, auf eigene Rechte zu verzichten.

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