Respekt

Aus: Ausgabe vom 16.05.2017, Seite 10 / Feuilleton
Respekt
Von Helmut Höge
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»Respekt kommt aus dem Lateinischen und bedeutete so viel wie ›Zurücksehen, Berücksichtigen‹« (»Spur des Löwen«-Denkmal auf dem Schweriner Marktplatz)
Foto: Jens Büttner/dpa
»Ich stamme aus der Generation ›Respekt vorm Alter‹ und nicht ›Ey Alter, Respekt‹«, postete kürzlich einer auf Facebook. Er ging einst auf die Polytechnische Oberschule »Werner Seelenbinder« in Potsdam. Wann genau, ist leider unbekannt. Ich, Jahrgang 1947, habe die »Respekt vorm Alter« Einfordernden in meiner Schulzeit jedenfalls gehasst. In meiner Abneigung gegenüber diesen aus dem Krieg zurückgekehrten »Respektspersonen« kam mir ab 1967 glücklicherweise die »antiautoritäre Bewegung« entgegen. Respekt wurde zu einem Ekelwort, was den »68ern« nun vorgeworfen wird.

Der Einwurf das Potsdamers beleuchtet einen Paradigmenwechsel: Die Tage der Respektspersonen, zu der einst auch der Polizist an der Ecke gehörte – im Gegensatz zum gepanzerten Bullen von heute – sind längst gezählt. An ihrer Stelle fordert eine neue Generation Respekt ein, wobei der Begriff nicht mehr denselben Inhalt hat. So eröffneten etwa bei mir um die Ecke einige mit Afrikanern liierte Frauen eine »Respect-Bar«, was auf respektvollen Umgang mit Menschen aus der früher sogenannten Dritten Welt zielte.

Respekt kommt aus dem Lateinischen und bedeutete so viel wie »Zurücksehen, Berücksichtigen«. Von da ist es nicht weit bis zur »Rücksicht«. Im konkreten Fall geht der Blick zurück auf die rücksichtslose Kolonisierung Afrikas, woraus sich der Anspruch ihrer nunmehrigen Berücksichtigung ergibt. So weit scheint mir das klar. Aber der Begriff oszilliert noch immer, auch in der sich um »politische Korrektheit« bemühenden Generation. »Was ist eigentlich Respekt?« fragte sich eine Bloggerin exemplarisch. »Einerseits klingt das Wort cool, nach gerapptem Ehrenkodex. Andererseits aber auch nach hochgezogenen Augenbrauen und verärgertem Kopfschütteln.« Bei letzterem denkt man nicht mehr an die weitgehend ausgestorbenen Respektspersonen, eher an arme Bittsteller oder despektierlich behandelte Kunden bzw. Klienten. Goethes Diktum »Sich im Respekt zu erhalten, muss man recht widerborstig sein«, gilt heute für Proleten und Minderheiten. »Jobcentern fehlt der Respekt!« titelte eine Berliner Zeitung. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales nannte ein »Pilotprogramm«, mit dem »junge Menschen in einer schwierigen Lebenslage (zurück) auf den Weg in Bildungsprozesse, Ausbildung oder Arbeit« geholt werden sollten, »Respekt«. Eine Internetplattform »für gesellschaftliches Engagement« heißt »respekt.net«. Eine Überschrift des Merkur, »Merkel genießt Respekt in China«, brachte mich darauf, dass Respekt heute vielleicht weniger Individuen entgegengebracht wird als Nationen, Staaten, Gesellschaften oder Kulturen. Da gibt es zum Beispiel eine Initiative »Respekt für Griechenland«.

jW-Probeabo
In dem Buch »Was heißt hier Respekt?!« (2015) der Journalistin Elke Reichart erinnert sich eine Interviewte an Debatten ihrer Jugend: »Zum Beispiel las ich ›Das Kapital‹ von Karl Marx und vertrat dessen Thesen lauthals gegenüber meinem Vater, der den Kommunismus strikt ablehnte. Aber dennoch diskutierte er alle Theorien geduldig mit mir durch. Er nahm sogar bösartige Bemerkungen wie ›Ihr wart ja alle Nazis‹ zur Kenntnis, zollte mir damit Respekt, aber er akzeptierte sie natürlich nicht.« Gilt das auch gegenüber den Minderheiten, denen die Mehrheit heute respektvoller gegenübertritt, »natürlich« ohne sie zu akzeptieren? Das ist jedenfalls immer der Verdacht bei der »Political Correctness«: dass sie den »anderen« bloß kalten Respekt zollt.

Die zitierte Interviewte hat aus ihren Gesprächen mit dem Vater gelernt: »Man darf alles sagen, im richtigen Rahmen und mit Respekt …«. Andererseits hat sie später erfahren: »Man wird nicht respektiert, wenn man selbst zurückweicht.« Dies gilt auch für Belegschaften. Am Anfang von Arbeitskämpfen heißt es gern: »Kollegen, wir müssen uns mehr Respekt verschaffen!«

 Kommentar von Igelin:  Mütter müssen sich Respekt verschaffen, damit sie ihre Kinder lieben können und beschützen. Am Anfang war das Wort – und das hatte Macht.
 Psychiatrisch Behandelte genießen keinerlei Respekt – weder bei ihren Behandlern, noch in der Presse oder Regierung – ja nicht mal in der Öffentlichkeit – und vielfach nicht mal in ihrer Familie. . . Aber ohne Respekt – kein Leben. Horst Herrmann  stellt fest, dass man einen Menschen erst betiteln, etikettieren muss, bevor man ihn foltern kann. und das machen Christen gut – und ständig – und das machen Psychiater mit ihren Diag-Nonsens, die keinerlei med. Befunde brauchen – Unterstellung irgendwelcher Beschimpfungen reichen völlig aus.
Kinder bekommen keinen Respekt entgegen gebracht – denn sie gelten in dieser christlichen Denkweise als leeres Fass, dass erst durch Staats-und Kirchenschulung gefüllt werden muss. Aber ist das auch so ? Immerhin wissen wir ja schon, dass solches Auffüllen der Kinder mit christlichen Vorstellungen kränkend wirkt und verletztend – und entspricht dem Auffüllen des Körpers mit verätzenden chemischen Nervengiften.
Sie kennen doch sicher den Unterschied zwischen funktionaler Autorität und persönlicher Autorität – was nur selten zusammen vorzufinden ist . weil persönliche Autorität Ausdruck von Persönlichkeitsreife und Lebenserfahrung ist – funktionale Autorität dagegen nur mit der Machtposition auf einem warmen Sessel zu tun hat – auf dem ein Möchtegern-Taugenichts die Tage zählt und seinen Sold. „Beschütze mich vor Sturm und Wind und vor solchen, die was geworden sind“:
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