So viel Wehrmacht steckt in der Bundeswehr

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Von Barbara Galaktionow, Oliver Das Gupta und Joachim KäppnerDas Schwarze Kreuz war Zeichen der Wehrmacht und wird noch heute als stilisiertes Tatzenkreuz der Bundeswehr verwendet.© dpa Das Schwarze Kreuz war Zeichen der Wehrmacht und wird noch heute als stilisiertes Tatzenkreuz der Bundeswehr verwendet.
• Die Bundeswehr hat eine lange Traditionslinie zur Wehrmacht. Zunächst war diese Linie gewollt, dann toleriert, inzwischen wird sie bekämpft.

• In den ersten Jahrzehnten bestand die Führung der westdeutschen Armee nahezu ausschließlich aus Wehrmachts-Veteranen sowie einigen ehemaligen SS-Leuten.

• Erst 1982 wurde die Traditionslinie zur Wehrmacht mit dem Traditionserlass gekappt.

Wie hält es die Bundeswehr mit der Tradition? Die aktuellen Ereignisse rund um die Kaserne im französischen Illkirch werfen erneut die Frage nach dem Selbstverständnis der Truppe auf. Der Bezug auf die Armee, die im Zweiten Weltkrieg für das NS-Regime weite Teile Europas unterjochte und dabei vor allem in Polen und der Sowjetunion schwerste Verbrechen beging, ist immer noch nicht überall gekappt. Es gibt eine lange Traditionslinie zur Wehrmacht – zunächst war diese Linie gewollt, dann toleriert, inzwischen wird sie bekämpft, auch wenn das dauert.

Die Zahl der Bundeswehreinrichtungen, welche nach „soldatischen Vorbildern“, wie man einst sagte, der Wehrmacht benannt sind, ist seit den Neunzigerjahren drastisch geschrumpft (siehe Auswahl in der Grafik) – aber noch immer gibt es sie, mehr als 60 Jahre nach Gründung der Bundeswehr, die doch ganz anders sein sollte als ihre Vorgänger. Gemessen am Anspruch der Bundeswehr, eine Armee des Parlaments und der Staatsbürger in Uniform zu sein, hätten sich solche seltsamen Namenspatrone eigentlich vom ersten Tag an verboten.

Schon im informellen Gründungsdokument der Bundeswehr jedoch, der „Himmeroder Denkschrift“ von 1950, sei auch explizit die Strategie skizziert worden, eine „neue Wehrmacht“ schaffen zu wollen, sagt der langjährige Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, Detlef Bald, der SZ. Das militärische und sicherheitspolitische Konzept habe sich zwar in den aktuellen Ost-West-Konflikt eingefügt, dabei aber auf Strategien des Ostfeldzugs der Wehrmacht zurückgegriffen.

Der „eigentliche Urheber“ einer zu nostalgischen Bundeswehr

Reformansätze fanden sich aber auch in dem Dokument. So schrieb Wolf von Baudissin, der nur auf Druck der Briten der Expertengruppe angehörte, gemeinsam mit den Reformern Johann Adolf Graf von Kielmansegg und Ulrich de Maizière die Grundzüge dessen fest, was man heutzutage „Innere Führung“ nennt: Die Orientierung der Armee an den Werten des Grundgesetzes.

Historiker Bald sieht im zweiten Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) dann den „eigentlichen Urheber“ der allzu nostalgischen Bundeswehr. Auch personell war die Kontinuität zur Wehrmacht sehr groß. Trotz Gutachterausschüssen, welche zumindest die schlimmsten Fälle aussiebten, bestand in den ersten Jahrzehnten die Führung der westdeutschen Armee nahezu ausschließlich aus Wehrmachts-Veteranen sowie einigen ehemaligen SS-Leuten.

1965, im ersten Traditionserlass für die Truppe, wurden soldatische Leistungen der Vergangenheit betont, andererseits wurde auch vor übersteigertem Nationalismus gewarnt – ein Spagat, der nicht viel änderte. Die konservativ-reaktionäre Ausrichtung der Bundeswehr reichte bis in die späten 1960er-Jahre, noch immer wurden Dutzende Kasernen nach Wehrmachtsgrößen benannt. 1969 unternahmen Generäle sogar einen Vorstoß, der die Kontrolle der Armee durch den Bundestag begrenzen sollte. Nun griff die Politik jedoch härter durch.

Veränderung kam mit Verteidigungsminister Helmut Schmidt. Der Sozialdemokrat feuerte Generäle, die sich dem Primat der Politik widersetzten. Mit dem noch heute gültigen Traditionserlass von 1982 wurde die Traditionslinie zur Wehrmacht offiziell gekappt. „Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen“, heißt es. Die Rolle der Wehrmacht wird zwar differenziert dargestellt: In den Nationalsozialismus seien die Streitkräfte „teils schuldhaft verstrickt, teils wurden sie schuldlos missbraucht“. Trotzdem dauerte die falsche Traditionspflege in manchen Kasernen an.

Bis in die Neunzigerjahre wurde die Wehrmacht von Teilen der Bundeswehr glorifiziert

Noch 1995 – im Jahr der ersten großen Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht – beklagte der Wehrbeauftragte des Bundestages, Alfred Biehle (CSU), eine Glorifizierung der Hitlertruppe bei der Bundeswehr. Bei einer Fallschirmjägereinheit seien Dokumente ausgehängt worden, in denen „ein vom nationalsozialistischen Geist mitgeprägtes soldatisches Verständnis und sinnloser Durchhaltewillen zum Ausdruck kamen“. Noch Ende der Neunzigerjahre wurden in einem bayerischen Gebirgsjägerbataillon Wehrmachtsuniformen präsentiert – immerhin waren die Hakenkreuze abgeklebt.

Ein typisches Beispiel falscher Verklärung ist jenes des Jagdfliegers Werner Mölders, der 1941 bei einem Flugunfall starb. Mölders war ein Lieblingsheld der Nazipropaganda und mit 28 Jahren bereits Inspekteur der Jagdflieger, sein Bild hing in Kasernen, Ämtern, Wohnzimmern. An Werner Mölders erinnerte die Bundeswehr bis 2005, ein Zerstörer und das Jagdgeschwader 74 waren nach ihm benannt. Erst Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) untersagte, nach einem Gutachten des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, den Namen Mölders für Einrichtungen der Bundeswehr zu verwenden. Der Jagdflieger war einer zählebigen Legende zufolge Gegner der Nazis gewesen – doch das ist längst widerlegt.

Erst seit Ende der Neunzigerjahre, schreibt der Militärhistoriker Wolfram Wette, „scheint sich allmählich auch die Bundeswehr aus dem belastenden Schatten von Hitlers Wehrmacht zu lösen“. So nahm das Verteidigungsministerium nach der Einheit demonstrativ seinen Sitz im Berliner Bendlerblock, dem Zentrum der Verschwörer des 20. Juli 1944. Und immerhin gilt heute der Feldwebel Anton Schmid als Namensparton: Er rettete in Wilna viele Juden vor dem Holocaust und wurde von der NS-Militärjustiz deswegen ermordet. Wie der Historiker Jakob Knab sagte: „Endlich ein edler, mutiger Soldat, der als geschichtliches Vorbild dienen kann!“

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