die schlechtesten Studenten werden Psychiater

Aber eigentlich reicht die Ausbildung eines Postboten völlig aus. . . . Siehe Gerd Postel: „ein Hochstapler unter Hochstaplern“

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article114768482/Die-schlechtesten-Studenten-werden-Psychiater.html

Auszug aus dem Interview der Autorin des Buches “ Der Teufelsberg“

  1. Sophie Dannenberg: „Die schlechtesten Studenten werden Psychiater“

LITERARISCHE WELT

SOPHIE DANNENBERG„Die schlechtesten Studenten werden Psychiater“

Von Henryk M. Broder | Veröffentlicht am 26.03.2013 | Lesedauer: 8 Minuten
Geboren wurde Sophie Dannenberg als Annegret Kunkel – das war 1971, in Gießen. Heute lebt die Schriftstellerin in BerlinGeboren wurde Sophie Dannenberg als Annegret Kunkel – das war 1971, in Gießen. Heute lebt die Schriftstellerin in Berlin
Geboren wurde Sophie Dannenberg als Annegret Kunkel – das war 1971, in Gießen. Heute lebt die Schriftstellerin in Berlin

Quelle: Henryk M. Broder

Mit ihrem ersten Roman hat Sophie Dannenberg die 68er aufgemischt, in ihrem neuen Buch „Teufelsberg“ nimmt sie sich die Psychiatrie vor. Ein Gespräch über eine ziemlich schockierende Recherche.

Mit ihrem ersten Roman „Das bleiche Herz der Revolution“ (DVA 2004) hat Sophie Dannenberg die 68er aufgemischt, im neuen Roman nimmt sie sich die Psychiatrie vor. „Teufelsberg“ spielt in einer psychiatrischen Klinik auf dem Berliner Teufelsberg, der aus den Ruinen des Zweiten Weltkrieges aufgeschüttet wurde. Es geht um Ärzte und Patienten, Verrückte und Normale. Also uns alle.

Die Welt: Frau Dannenberg, wann waren sie zuletzt in einer psychiatrischen Klinik?

Sophie Dannenberg: Das war 2012. Ich hatte eine Freundin, die in der Psychiatrie behandelt werden musste, ich habe sie mehrmals besucht. Später hat sie sich das Leben genommen.

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Die Welt: In der psychiatrischen Anstalt?

Dannenberg: Ja, und das, obwohl sie zu der Zeit in stationärer Behandlung und damit in der Obhut der Ärzte war. Der Schutzraum der Psychiatrie leistet nicht immer, was er soll. Auf diese Weise bekam ich jedenfalls unerwartet gründliche Einblicke. Davon abgesehen, war ich selbst mal krank. Ich weiß also, wie es in der Psychiatrie zugeht.

Die Welt: Sie haben sich mit dem Thema schon länger beschäftigt?

Dannenberg: Ja, ich habe mich schon immer für Fallgeschichten interessiert und auch für die pathologische Seite der Psyche. Das finde ich spannend.

Die Welt: Warum?

Dannenberg: Psychische Erkrankungen bieten einen Anlass, darüber nachzudenken, wer wir sind, was verrückt und was normal ist. Wie wir Normalität definieren und wie wir Realität organisieren. Der psychisch Kranke lebt in einer autonomen Welt, in der er sich von der Gruppendefinition von Realität absondert und eine eigene Realität schafft. Anhand solcher Fälle kann man wie unter einem Brennglas erkennen, wie Wirklichkeit zustande kommt.

Die Welt: Eine objektive Realität gibt es nicht?

Dannenberg: Realität ist immer auch ein Konstrukt. Es gilt die Version, die gesellschaftlich wirksam ist. Das, was eine seelische Krankheit ausmacht, ist ganz wesentlich von der Einschätzung des Psychiaters abhängig. Er versucht natürlich, sich an die medizinischen Standards zu halten. Aber erstens sind die Standards unscharf, zweitens agiert er selbst als Messinstrument. Dadurch kommt eine weitere Unschärfe hinzu. So dass man eigentlich gar nicht sagen kann, was jemand, der eine psychische Krankheit hat, wirklich hat. Und das macht es philosophisch so interessant. Wir bewegen uns in einer Schattenwelt, in der niemand weiß, wer wir sind.

Die Welt: Sie haben sich unglaubliche Fachkenntnisse angeeignet. Ihr Buch liest sich teilweise wie ein Handbuch psychiatrischer Störungen, manchmal auch wie der Katalog eines Pharma-Großhändlers. Wo haben Sie das alles her?

Dannenberg: Man muss sich nur in den Raucherraum in einer psychiatrischen Station setzen, und man bekommt in kurzer Zeit alle nur denkbaren psychischen Krankheiten vorgeführt, man lernt alle Medikamente kennen, die auf dem Markt sind, und man hört Erlebnisberichte aus allen bekannten Kliniken. Und die Patienten wissen oft besser Bescheid über ihre Krankheiten und über die entsprechenden Medikamente und was auf den Stationen los ist und wie bestimmte Ärzte einzuschätzen sind, als die Ärzte selbst. Sie geben sich sogar Tipps, wie man es zum Beispiel schafft, die Tabletten nur zum Schein zu schlucken. Die verrate ich aber nicht.

Die Welt: Sie haben sich also in den Raucherraum gesetzt und einfach zugehört, was da geredet wurde. Haben Sie auch mit den Leuten gesprochen?

Dannenberg: Und ob. Und Fachliteratur gelesen. Und ich war auch im Speisesaal und in den Vierbettzimmern und in der Tanztherapie, in der Musiktherapie, in der Morgenrunde, in der Chefarztvisite und in der Sportgruppe. Ach ja, und in der Ergotherapie. Ich habe einen Katzenkorb geflochten.

Die Welt: Wie hält man das alles aus, ohne selber verrückt zu werden?

Dannenberg: Das ist nicht einfach. Es tut nicht nur weh mitzubekommen, wie manche Patienten behandelt werden, sondern es verblüfft auch. Auf einer geschlossenen Station bin ich Zeuge geworden von „Fixierungen“, das heißt, der Patient wird ans Bett gefesselt. Es gibt da ein Fesselwerkzeug, das nennt sich „Segufix, das humane Fixiersystem“. Das habe ich nicht erfunden! Es wird also human gefesselt, der Mensch wird ganz human seiner Freiheit beraubt, und das geht einem schon nahe, wenn da einer um Hilfe schreit, weil er das nicht will. Ich erinnere mich an eine alte Dame, die unter paranoider Schizophrenie mit Vergiftungsängsten litt und ihre Medikamente nicht nehmen wollte. Statt dass jemand versuchte, liebevoll mit ihr zu reden, wurde sie von zwei Pflegern – bei einer alten Dame braucht man nur zwei, es können aber auch schon mal sechs oder acht sein – aufs Fixierbett geschnallt und bekam eine Spritze. Ich habe erlebt, wie fließend die Übergänge zwischen Therapie und Rechtsbruch sind. Es kommt vor, dass jemand fixiert wird, nicht weil er akut selbst- oder fremdgefährdend ist, sondern weil er diszipliniert werden soll, nachdem er sich vermeintlich schlecht benommen hat.

Die Welt: Trotzdem liest sich Ihr Roman streckenweise wie ein Unterhaltungsroman. Man muss oft lachen.

Dannenberg: Ich wusste auch nicht immer, mit wem ich mehr Mitleid haben soll, den Ärzten oder den Patienten.

Die Welt: Warum hatten Sie Mitleid mit den Ärzten?

Dannenberg: Weil das zum Teil so erbärmliche Figuren sind. Ahnungslos, ratlos, dafür maßlos eitel. Und sie benehmen sich wie ostelbische Gutsbesitzer.

Die Welt: Naja, die ostelbischen Gutsbesitzer verfügten zumindest über korrekte Umgangsformen.

Dannenberg: Kennzeichnend für viele psychiatrische Stationen, zumindest für die acht Berliner Stationen, die ich selbst beobachtet habe, ist aber der vulgäre Umgang mit dem Leid der ihnen anvertrauten Patienten.

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